Bei jedem Rücktritt stellt sich die Frage: Was macht eigentlich einen guten Politiker aus? Eric Frey hat kürzlich geschrieben, Politiker bräuchten Charisma bei gleichzeitiger Konsensfähigkeit. Eine seltene Mischung.

Dieser Befund ist heute Common Sense: In unserer Erlebnisgesellschaft mit ihrer völligen Medialisierung sei Ausstrahlung das zentrale Erfordernis für den erfolgreichen Politiker. Möglichst telegen, möglichst spannend, möglichst charismatisch soll er sein, der Politiker. Nur so erfülle er das "Politainment": die einzige Form, wie wir Spaßgesellen uns der Politik noch zuwenden.

Nun haben zwei Politologen, Danny Michelsen und Franz Walter, diesem Befund vehement widersprochen: Diese Geschichte sei zu Ende. Die Zeit der politischen Helden und Strahlemänner sei vorbei. Heute siege ein neuer Typus von Politiker: der mediokre Manager, der inspirationsarme Vermittler. Und tatsächlich herrschen ja auch in ganz Europa, trotz aller Erlebnisgesellschaft, die emsigen, profilblassen Makler der Politik vor. Denn nur diese, so die Politologen, könnten die Vielfalt der Wähler überhaupt managen. Dieser Typus ist also nicht nur flächendeckend, weil es an Politmagiern mangelt. Er ist vorherrschend, weil es genau solcher Politiker heute bedarf. Nun - vielleicht bedarf ja das reale Management einer komplexen politischen Wirklichkeit tatsächlich solcher farblosen, aber braven, solcher anpassungsfähigen, aber emsigen Politiker. Aber warum in aller Welt wählen wir diese? Denn unser Wahlverhalten ist bekanntlich alles andere als rational.

Dahinter steckt die Frage: Sollen Politiker so sein wie jene, die sie wählen - oder sollen sie anders sein? Sollen Politiker so sein wie wir oder eben nicht? Die Antwort auf diese Frage hat sich entschieden verschoben. Bis vor kurzem sollten Politiker möglichst verschieden sein. Churchill, Brandt oder Kreisky wählte man, weil sie anders waren als man selbst - fähiger, kompetenter, charismatischer. Man wählte sie, weil sie Autoritäten waren. Den visionslosen Administrator, den braven Kümmerer wählen wir nicht aus der vernünftigen Einsicht heraus, dass die politische Realität solche Figuren braucht. Wir wählen die Durchschnittlichkeit vielmehr, weil diese eben nicht anders ist als wir. Wir wählen jene, die uns nicht überlegen sind. Wir wählen gewissermaßen unser Ebenbild. Vielleicht ist das der Ausweis einer gebildeteren, selbstbewussteren Wählerschaft. Vielleicht sind wir weniger autoritätsgläubig, emanzipierter.

Wieso aber scheitert dann jemand wie Spindelegger? Wieso hinterlässt überhaupt das gesamte derzeitige Führungspersonal so einen schalen, frustrierenden Eindruck? Eine mögliche Antwort liefert die derzeit wohl erfolgreichste Politikerin: Angela Merkel. Die vielleicht mächtigste Frau ist zugleich der Inbegriff von Normalität. Mit dem Satz "Sie kennen mich" gewinnt sie Wahlen. Aber diese Normalität ist nicht einfach "normal". Sie lässt die normale Frau auftreten. Sie inszeniert ihre Normalität. Das ist die subtile Inszenierung einer Nicht-Inszenierung. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Denn die ultimative Performance ist jene, die sich als Nicht-Performance ausgibt. Eine inszenierte Normalität. Das aber ist jenes "Charisma", das es heute braucht.