Es wäre daher mehr als vernünftig, bei der praktischen Umsetzung der Energiewende jetzt eine Denkpause einzulegen, um sich über die künftigen Ziele und Schritte klar zu werden. Es wäre für alle Beteiligten besser, wenn zur Zeit nichts passierte, als dass wir zu hohe Versorgungs- und Preisrisiken eingehen. Die Märkte sind schon heute aus den Fugen geraten. Wirtschaft und Bürger sind in einem Industrieland wie Deutschland auf eine sichere, umweltfreundliche und kostengünstige Energieversorgung angewiesen. Im Gegensatz zum Wärmemarkt, der starken jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen ist, muss Strom über das ganze Jahr konstant geliefert werden - unabhängig von den geschilderten physikalischen Restriktionen, an denen wir nichts ändern können.

Energie-Effizienz - unter diesem Stichwort verbirgt sich ein riesiger Technologiemarkt, der noch gar nicht richtig erschlossen worden ist. Erneuerbare Energien benötigen völlig andere Produktions-, Netz- und Regelstrukturen die noch gar nicht vorhanden sind. Strom kann man

nicht beliebig vorhalten, sondern er sollte auf intelligente Art und Weise angeboten und genutzt werden (verbrauchsarme Geräte, Smart-Grids, Smart-Meter). Das allesamt optimal aufzubauen ist noch weitgehend unklar, jedenfalls sehr komplex und erfordert gewaltige Investitionen, wobei man noch nicht weiß, ob sich das alles aus Kundensicht lohnt. Zwar tut sich hier für die Industrie ein Milliardenmarkt auf, dem Staat, den Kommunen und natürlich den Verbrauchern fehlt allerdings das Geld, die Folgen der Finanz- und Schuldenkrise machen sich hier indirekt bemerkbar. Dezentrale Energiesysteme wären sicher längerfristig wünschenswert, sind jedoch (heute noch) in vielerlei Hinsicht großen, zentralen Versorgungsanlagen in puncto Energieeffizienz (Wirkungsgrad) unterlegen. Moderne Großkraftwerke sollten daher länger betrieben und nicht ohne Not stillgelegt werden (höhere thermodynamische Effizienz, geringere spezifische Schadstoffemissionen, geringerer Investitionsaufwand etc.).

In jedem Land liegen andere natürliche Gegebenheiten vor, demgemäß wird der Transformationsprozess überall anders aussehen. Wir sollten uns hüten, anderen unser Energiewende-Konzept aufschwatzen zu wollen, aus welchen (ideologischen) Gründen auch immer. Es gibt Länder, die schon heute einen wesentlich höheren Anteil an erneuerbaren Quellen im Strombereich haben. Dazu gehören Länder wie Kanada oder Schweden (bis zu 80 Prozent). Selbst diese betreiben Kernreaktoren, sie werden es einfacher haben, die Klimaziele zu erreichen. Laut dem fünften Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC sind 50 bis 85 Prozent an CO2-Minderung nötig, um den globalen Temperaturanstieg auf 2 bis 2,4 Grad zu begrenzen (2-Grad Ziel). Das sollten wir bedenken, wenn wir wahl- und planlos weitere Kernreaktoren vom Netz nehmen, wie es von der Politik vorgegeben wird. Der Weg einer Energiewende bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Kernkraft ist doppelt schwierig, und es sind noch zahlreiche Aufgaben unerledigt.

Atomausstieg und Endlagerfrage

Die beiden größten Probleme, die der deutschen Energiewende im Weg stehen, sind:

1. Die praktische Umsetzung beim Atomausstieg, wo es an allen Ecken und Enden hakt. Man denke nur an die Suche nach einem neuen Endlager, wo überhaupt noch nicht klar ist, in welche Richtung es geht. Im Zwischenlager Brunnsbüttel rosten Fässer mit Atommüll munter vor sich hin.

2. Die Einspeisung größerer Anteile erneuerbarer Energie erfordert den Zubau leistungsfähiger Netze sowie moderner Regeleinrichtungen , die heute noch gar nicht zur Verfügung stehen (von den ehemals geplanten rund 4000 Kilometer Leitungen sind noch nicht einmal 10 Prozent realisiert worden); Bürger werden auch in Zukunft gegen derartige Großprojekte protestieren, zumal vor der eigenen Haustür; daran wird sich so schnell nichts ändern.

Zudem stellen die hohen CO2-Emissionen des Verkehrs ein ungelöstes Problem dar. Selbst wenn einmal wie geplant eine Million Elektroautos auf den Straßen rollen, wird das die Klima-Bilanz nur unwesentlich beeinflussen. Andere Technologien, mit deren Hilfe wir etwas für die Energie- und Klimaprobleme tun könnten, sind wiederum umstritten, weil sie als offenbar zu risikobehaftet eingestuft werden, auch von Teilen der Wissenschaft. Dazu gehören neue Technologien wie das Fracking (Schiefergasförderung) oder die CO2-Speicherung, die bisher über das Pilotstadium nicht hinausgekommen ist. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen . . .

Fazit: Alles in allem wird in Deutschland der Energiewende ein sehr komplizierter und teurer Weg beschritten. Wird er uns in die gewünschte Energiezukunft führen? Mit der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 wurde der Neubau regenerativer Stromerzeugungsanlagen massiv gefördert, Geld das für andere (zum Beispiel soziale) Zwecke nicht zur Verfügung stand. Überall wurden Windräder und Solaranlagen in die Landschaft gestellt, eine Koordinierung der Einzelmaßnahmen fehlte. Leider wurden dabei Fehler gemacht, die nun nicht mehr korrigiert werden können. Der Verbraucher hat im Wesentlichen die Last des Aufbaus getragen, indem er treu und brav seine Umlagen für Sonne, Wind etc. bezahlt hat, von denen er aber selbst nicht profitiert hat. Ob das neue EEG hier für die nötigen Korrekturen sorgen wird, bleibt abzuwarten (Abbau der Überförderung, marktkonformere Förderung etc.).

Jetzt ist daher die Zeit für eine Denkpause gekommen. Diese müsste auch dafür genutzt werden, einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft überhaupt leben wollen. Denn von unserem heutigen geld- und konsumorientierten Lebensstil hängt der weitere Verlauf des Energie- und Klimaproblems entscheidend ab. Die junge Generation sollte sich darauf einstellen, das Thema gehört deshalb vor allem in den Schulunterricht wie Deutsch und Mathematik - Verantwortungskompetenz kann nur wahrgenommen werden, wenn man die grundlegenden technischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge dieses Zukunftsthemas wirklich versteht. Wo sonst als in der Schule soll das passieren?