In den letzten Monaten regierte in Afghanistan der pure Wahlkampf. "Kampf" wohl im wahrsten Sinne des Wortes. Wobei er seine Intensität rückblickend in ungewöhnlicher Weise erst nach dem eigentlichen Wahltermin entfaltete und seine Auswirkungen danach für fast ein halbes Jahr im Rahmen einer Art Stichwahl quälend mit sich schliff. Gerade dieses weit offen gestandene Zeitfenster der Ungewissheit war dabei das höchst Unerwartete an der Sache. Wie dem auch sei: Nunmehr steht fest, dass diese sogenannte Qual der Wahlen selbst für das hartgesottene und seit über 30 Jahren kriegsgeschundene Afghanistan bei weitem keine Bagatelle war. Selbst der religiöse Enthusiasmus zum kürzlich vollzogenen Opferfest kann darüber dauerhaft kaum hinwegtäuschen.

Lokalaugenschein in Kabul. Hinter einer Riesenbaustelle versteckt sich diskret ein Vorzeigestück afghanischer Kunstinitiative: die Galleria Kabul. Der Leiter, ein in Dari und Englisch eloquenter, weltoffener Afghane, zeigt uns mit leisem Seufzen all die bewundernswerten Ausstellungsstücke, eine für Zentralasien wahrhafte Plethora an handgefertigten artistischen Einzelstücken - alle zusammengedrängt auf gerade einmal drei sparsam beleuchtete Räume im Kellergeschoss. Die großteils zum Verkauf angebotenen Stücke fanden sich früher in einem schicken Laden im zur "Green Zone" gehörenden Stadtteil Wazir Akbar Khan, also mit anderen Worten dort, wo die Hauptstadt als sicher galt. Sicher. So ziemlich genau bis zum 17. Januar 2014. Der Anschlag auf ein bei ausländischen Geschäftsleuten und Diplomaten beliebtes Restaurant in gerade dieser Gegend in Kabul änderte das Bewusstsein für Bewohner der ganzen Stadt.

Als hätte der Selbstmordattentäter, der 21 Lokalbesucher, davon 13 Expatriates, mit in den Tod riss, einen neuen Zeitabschnitt der jüngeren Geschichte Afghanistans eingeläutet: die Qual der Wahlen, die tägliche Qual des sich verschlechternden Sicherheitszustands in Verbindung mit den Präsidentschaftswahlen, und das schon Monate bevor sie begannen. Ein weiterer gezielter Anschlag wieder von regierungsfeindlichen Gruppen auf ausländische Gäste und Journalisten in einem Nobelhotel zwei Monate später und damit zwei Wochen vor dem ersten Wahltermin bestärkte viele in ihrer Auffassung, von da an absolut "low profile" leben zu müssen. Für diejenigen, die für internationale Organisationen arbeiteten und ohnehin schon mit den arbeitsvertraglich vereinbarten Sicherheitsrestriktionen klarkommen mussten, ein ab diesem Zeitpunkt wahrhaft quälender Umstand.