Vor einigen Monaten während der Arbeitspause beim Teetrinken, nur ein paar Momente vor dem unüberhörbaren Aufruf zum traditionellen Gebet aus der Moschee, und gefühlt eine bange Sekunde nach dem gellenden Dröhnen des überfliegenden Militärhubschraubers. Mein afghanischer Kollege unterbricht unseren entspannten Smalltalk mit einer neuen Schockmeldung. Aus Österreich! "Ich hab kürzlich gelesen, dass junge Leute aus Österreich freiwillig in den Mittleren Osten gingen um in diesem blutigen Krieg zu kämpfen", stottert es verdutzt aus ihm raus und zeigt mir dazu das Bild zweier jugendlicher Mädchen, das sein Facebook-Freund in völligem Entsetzen zu dieser Thematik postete. "Sag mal, wie ...? Was ...? ...? " Sprachlosigkeit. Das hat selbst diesen nervenstarken und tiefgläubigen Afghanen fast vom Sessel gerissen.

Ich komme in Erklärungsnot. Weiß echt nicht, was ich dazu sagen soll. Welcher Österreicher kann dazu echt so schnell eine Begründung liefern? Noch dazu in Persisch. Stösst diese Sache weltweit so ziemlich überall auf Unverständnis, auf noch mehr davon stösst sie an dieser Stelle im Herzen Afghanistans. (Nur so ganz nebenbei erwähnt ist es auch interessant, daß diese Nachricht es überhaupt bis hierher schaffte.) Der Schrecken der unruhigen Zeit der vergangenen drei Jahrzehnte sitzt jedem hier noch quälend tief im Nacken. Unfreiwillig musste dieser ertragen werden. Keiner wurde gefragt, ob er wollte. Das nackte Überleben musste gelernt werden. Musste. Denn wer es nicht rechtzeitig lernte, oder einfach auch nur zur falschen Zeit am falschen Ort war, hatte keine Chance.

Gedanklicher Abstecher nach Paivande Noor. Hier im Waisenhaus, nördlich von Kabul an den Ausläufern des Hindukush-Gebirges gelegen, finden einige junge Opfer dieser furchtbaren Zeit Zuflucht. "Quelle des Lichts" heißt übersetzt der Name dieser für viele Kinder und Jugendlichen lebensrettenden Einrichtung. Hell und blumig klingt er, ja geradezu verheißungsvoll. Wie so vieles in der afghanischen Alltagssprache. Der kooperative Projektpartner wird zum "Blumenbruder", der wohlerzogene und fleißige Schüler zum "Blumensohn", gutüberlegte Ausdrucksweise mutiert überhaupt gleich zu "Blumenworten". Vor lauter Blumen und Licht in den Beschreibungen könnte man meinen, es wäre hier noch nie Nacht gewesen. Es hätte hier nie Dornen gegeben. Doch die kalte Wirklichkeit ist, daß alle diese grausame Vergangenheit endlich einfach nur hinter sich lassen möchten. Daß alle wünschen, daß sie ja nie wieder kommt. Die erbarmungslose Nacht. Mit ihren blutigen Dornen.