Adrian Lobe: Der freie Journalist studiert Politik- und Rechtswissenschaft an der Universität Heidelberg und ist für verschiedene Zeitungen im deutschsprachigen Raum tätig.
Adrian Lobe: Der freie Journalist studiert Politik- und Rechtswissenschaft an der Universität Heidelberg und ist für verschiedene Zeitungen im deutschsprachigen Raum tätig.

Als Bill Clinton 1992 zum Kandidaten der Demokraten für die US-Präsidentschaftswahlen nominiert wurde, tönte aus den Lautsprechern das Lied "Don’t stop" (thinking about tomorrow). Es sollte den Tonfall seiner Amtszeit markieren. Und es war eine genuin amerikanische Botschaft: optimistisch, weitsichtig, zukunftsweisend. 2016 wird in den USA ein neuer Präsident gewählt, und Hillary Clinton wird abermals ihren Hut in den Ring werfen. Mit dem lesenswerten Buch "Entscheidungen" hat sie ihre Ambitionen untermauert. Daran ändern wohl auch die für die Demokraten enttäuschenden jüngsten Kongresswahlen nichts.

Die Begleitmusik ihrer Kampagne könnte dabei "Yesterday" lauten. Die Ära Clinton steht für die gute alte Zeit, eine Epoche, in der die USA im Konzert der Weltmächte die erste Geige spielten. Bill Clinton ist laut Umfragen der angesehenste Präsident der vergangenen 25 Jahre. Die Monica-Lewinsky-Affäre wird in der Retrospektive überstrahlt von seinem Charme und seiner Intelligenz. Selbst erbittertste Gegner sind der Clinton-Nostalgie verfallen.

Man muss sich die Zeit nochmals in Erinnerung rufen: Ein Jahr vor Clintons Amtsantritt brach die UdSSR zusammen. Die USA hatten keinen ernsthaften Widersacher auf der Weltbühne. Von den Brics-Staaten sprach damals noch kein Stratege. Japan trat in eine Rezession. China litt noch unter den Schockwellen des Tiananmen-Massakers. Zwar wuchs die chinesische Volkswirtschaft auch damals schon rasant, doch machte sie lediglich zwölf Prozent der US-Ökonomie aus. Die Arbeitslosigkeit betrug in den USA gerade einmal vier Prozent (heute knapp zehn Prozent). Bill Clinton navigierte in politisch und ökonomisch ruhigen Gewässern. Die außenpolitischen Themen - allen voran der Bosnien-Krieg und der Völkermord in Ruanda - wurden mehr als moralische Dilemmata denn als Gefahren für die nationale Sicherheit perzipiert. Der Supermachtstatus der USA schien zementiert. Doch nur ein Jahr nach Clintons zweiter Amtszeit, 2001, brachen die 9/11-Anschläge über das Land herein. Mit den Zwillingstürmen stürzte auch ein US-Weltbild ein. Die Supermacht war verwundbar, der transnationale Terror nicht besiegbar. Der "Kampf gegen den Terror" von George W. Bush öffnete die Büchse der Pandora.

Barack Obama, als Heilsbringer gefeiert und mit dem Friedensnobelpreis geehrt, landete auf dem Boden der Realpolitik. Die USA haben sich in zwei Kriegen (Irak, Afghanistan) verausgabt. Die "unverzichtbare Nation" zog sich zurück und leckte ihre Wunden. Wenn Obama das Oval Office verlässt, wird China die USA als größte Volkswirtschaft überholt haben. Die politischen und ökonomischen Parameter werden sich dramatisch verschieben. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten, die Hillary Clinton auf einer Popularitätswelle surfen lässt. Sollten die Demokraten die machtbewusste Frau auf den Schild heben und das Volk sie tatsächlich zur ersten Präsidentin der USA wählen, träte sie ein schweres Erbe an. Die Ära Clinton lässt sich nicht wiederholen.