Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

In der Debatte um Juxdemos hat Doron Rabinovici in einem schönen Statement geschrieben: Wenn zum Geburtstag von Udo Jürgens eine Ringstraßendemo im Bademantel von Mme. Tussaud organisiert wird, dann wird das Versammlungsrecht als Werbekampagne missbraucht. Hier werde echte Demokratie durch ihre Simulation ersetzt. Was aber, wenn dieser Vorgang noch viel weiter reicht?

Der deutsche Politologe Ingolfur Blühdorn hat dazu eine ketzerische These aufgestellt: die These, auch echte Demokratie sei heute nur noch Simulation. Also nicht nur Spaßdemos oder verkappte Werbung, auch ernst gemeinte Proteste wären nur noch Simulation von Demokratie. Denn wir leben heute, so Blühdorn, in einer Postdemokratie - das Wort kursiert ja schon seit einigen Jahren. Postdemokratie aber bezeichnet einen Zustand, in dem demokratische Verfahren und Institutionen zwar aufrecht sind und dennoch keine wirkliche Demokratie mehr stattfindet. Wahlen, Proteste, die Rede vom Wählerwillen - all das wären nur noch Zeichen von Demokratie. Zeichen als Ersatz für wahren Volkswillen, für echte politische Selbstbestimmung. Ketzerisch ist diese These, weil sie das, was in der Demokratie "heilig" ist - wenn es denn ein demokratisches "Heiliges" gibt -, als Simulation bezeichnet, als Schein, als Inszenierung. Eine Inszenierung, die uns allen versichert, dass wir eh in einer intakten Demokratie leben würden, eine Inszenierung, die uns damit versichert, dass wir demokratische, selbstbestimmte Subjekte sind.

Gerade, weil wir in immer mehr Bereichen zunehmend fremdbestimmt sind, wird solches notwendig. Demokratische Praxis zielt auf reale Veränderungen - demokratische Rituale hingegen erlauben es uns postdemokratischen Bürgern, uns weiter als demokratische Individuen - also souverän und autonom - zu erleben und öffentlich darzustellen.

Wenn wir also voller Empörung Petitionen unterschreiben oder für das Gute klicken, dann ist das nicht echte Selbstbestimmung, sondern bestätigt uns nur in unserer Identität. Wenn wir - auch ohne Bademantel - auf Demonstrationen gehen oder uns in einer Bürgerinitiative engagieren, ja, sogar wenn wir Bademanteldemos von "echten" Demos unterscheiden - dann dient all das nur der Simulation, der großen Illusion, wir würden tatsächlich in einer demokratischen Ordnung leben.

Es ist diese Illusion übrigens keine Inszenierung der Mächtigen für die verblendete Masse, das also, was man früher einen Priesterbetrug genannt hat. Es ist dies vielmehr eine "kollektive Selbstillusionierung", an der wir alle gemeinsam teilhaben. Diese soll den tatsächlichen Verlust von Demokratie (der für alle Postdemokratie Theoretiker ausgemachte Sache ist) verschleiern und gleichzeitig die Bedürfnisse der postdemokratischen Subjekte nach demokratischer Verwirklichung bedienen.

Aber bevor wir gänzlich in die postdemokratische Depression kippen, noch ein paar Fragen: War denn Demokratie nicht immer eine Inszenierung? Haben wir nicht nur den Unterschied zwischen alter und neuer Inszenierung? Wurde nicht nur die alte Inszenierung der Masse als Volk durch die heutigen politischen Inszenierungen des Einzelnen als Einzelnen ersetzt? Und war der emanzipatorische Fortschritt dabei vielleicht immer schon nur ein Kollateralnutzen?