Seitdem in Dresden wöchentlich Demonstranten unter dem Label Pegida durch die Straßen ziehen. Seitdem diese selbsternannten "patriotischen Europäer gegen die Islamisierung" als Retter des Abendlandes ins Feld ziehen. Und auf der anderen Seite Islamisten sich als "Retter des Morgenlandes" gerieren. Seitdem steckt der Pluralismus in einem Zangengriff fest.

Natürlich ist die Gemütslage, die diese Montagsdemonstranten antreibt, weder neu noch eine deutsche Spezialität. Davon kann man gerade hierzulande ein Lied singen. Das Besondere ist, dass das, was längst durch ganz Europa zieht - von Schweden über Österreich, Frankreich, Ungarn bis Griechenland - nun auch in Deutschland, dem Musterland der Umerziehung, angekommen ist. Und dass es hier eine wirksame Form jenseits von Parteien und über den Stammtisch hinaus gefunden hat. Eine Form, die an die legendären DDR Montagsdemonstrationen andockt und deren Ruf "Wir sind das Volk" usurpiert. Seitdem steigen die Teilnehmerzahlen, und andere Städte folgen: Neben Pegida gibt es Legida, Dübiga... eine Art Label.

Das ist der Moment, an dem man die Demarkationslinie, die gesellschaftliche Trennlinie neu ziehen muss. Und da gilt es, einen Punkt klarzumachen. Entgegen dem, was Populisten, Abendlandretter und Ressentimentträger in ganz Europa propagieren: Die neue gesellschaftliche Demarkationslinie, also jene politische Front, die die Gesellschaften in Europa spaltet, diese Linie verläuft nicht zwischen Migranten und sogenannten Einheimischen. Es scheint ein politisches Gebot der Stunde, die Trennlinie, genauer gesagt: diese Trassenführung der Trennlinie zurückzuweisen.

Es gibt heute das Wort "postmigrantisch". Unsere Gesellschaften sind postmigrantisch. Das heißt nicht, dass die Einwanderung abgeschlossen sei. Es heißt vielmehr, dass die bereits erfolgte Migration die europäischen Gesellschaften nachhaltig verändert hat. Was man sich heute unter einem Österreicher oder unter einem Deutschen vorzustellen hat, ist etwas anderes als früher. In solchen postmigrantischen Gesellschaften ist "Migration nicht mehr die Trennlinie", meinte die deutsche Sozialwissenschafterin Naika Foroutan dieser Tage in einem Interview. "Es ist mehr die Haltung zu dieser Gesellschaftsform, die Trennlinien schafft." Es stehen also nicht Ur-Einwohner gegen Migranten. Die politische Frontlinie verläuft heute vielmehr zwischen jenen, die die postmigrantische, also die durch Migration veränderte Gesellschaft akzeptieren, die dies zu einem Teil ihrer eigenen Identität machen - und zwischen jenen, die die postmigrantische Realität nicht akzeptieren, die diese Veränderung als Bedrohung empfinden und die diese Veänderung in eine Islamisierung umdeuten. Wenn nun in Dresden und anderswo tausende Pegida-Anhänger tausenden Kritikern gegenüberstehen, dann stehen Realitätsakzeptierer Realitätsverweigern gegenüber. Die Leugnung der Realität beruht auf einem Phantasma - der phantasmatischen Vorstellung einer unveränderten, einer "echten", einer "reinen" Gesellschaft. Die Geschichte lehrt, dass solche Verweigerung, solche Verneinung der Wirklichkeit durchaus mächtig werden kann. Es ist dies eine gefährliche Macht, denn es ist eine, die die Realität ihrem Phantasma anzupassen trachtet.