Tahir Chaudhry studiert Philosophie und Islamwissenschaften. Er ist freier Journalist und Chefredakteur des Magazins "Das Milieu" (www.dasmili.eu).
Tahir Chaudhry studiert Philosophie und Islamwissenschaften. Er ist freier Journalist und Chefredakteur des Magazins "Das Milieu" (www.dasmili.eu).

Die Pariser Attentäter schrien "Allahu Akbar", als sie um sich schossen - und fast reflexhaft nannten es die Staatsführer Europas einen barbarischen Anschlag auf europäische Werte. Tatsächlich war es aber auch ein Anschlag auf islamische Werte. Doch in dieser emotional hochgebürsteten Gemengelange werden Muslime, die in diesem mörderischen Akt ihre eigene Religion nicht wiedererkennen, als Beschwichtiger und Apologeten beschimpft. Der unentschiedene Bürger droht langsam aber sicher den Überblick zu verlieren. Er ist verwirrt und zwiegespalten. Entweder geht er jetzt vor den Terroristen in die Knie oder den Islamhassern auf den Leim.

Als Millionen Menschen europaweit "Wir sind Charlie!" proklamierten, handelten sie getrieben von Panik. Es ist die Panik vor dem Verlust unserer Freiheiten, würden die verletzenden Karikaturen nicht verteidigt werden. "Jetzt erst recht!", sagen sich selbsternannte Wächter unserer Freiheit und fordern eine massenhafte Produktion solcher Karikaturen. Wer will denn schon, dass die Terroristen siegen? Dabei lassen wir uns auf deren Spiel ein, wenn wir uns jetzt als Gesellschaft spalten lassen, und wir tun ihnen ebenso einen Gefallen, wenn wir im Kampf zur Verteidigung unserer Freiheit paradoxerweise dieselbe Freiheit opfern, indem wir die Gesetze verschärfen und die Überwachung verstärken.

Steht es nun 1:0 für die Satire, seit europäische Medien aus Solidarität die "Charlie Hebdo"-Karikaturen abgedruckt haben? Wenn ja, müssten die Attentäter so blöd gewesen sein, dass sie diese Konsequenz nicht bedacht haben. Es war sicher ein kalkuliertes Attentat auf das Satiremagazin, bei dem es angeblich um Rache für den Propheten gehen sollte. Dabei ging es ganz offensichtlich weder um Satire noch um den Islam, sondern um die Vertiefung des Grabens zwischen dem Westen und der islamischen Welt. Die Terroristen lachen sich jetzt wohl ins Fäustchen, da es ihnen gelang, uns einzureden: "Hasst den Islam!"

Daher ist es umso wichtiger zu verkünden, dass es auch islamische Werte waren, die durch das Attentat mit Füßen getreten wurden. Es gibt keinen einzigen Vers im Koran, der die Blasphemie unter Strafe stellen würde. Auch die radikalen Kleriker der islamischen Welt wissen, dass allein Gott das Recht für sich beansprucht, über die Spötter zu urteilen. Im Koran werden Muslime lediglich aufgefordert: "Wenn ihr hört, dass die Zeichen Allahs geleugnet und verspottet werden, dann sitzt nicht bei den Spöttern, bis sie zu einem anderen Gespräch übergehen; ihr wäret sonst wie sie." (4:141)

Unser Frieden in Freiheit fußt nicht auf dem Fundament hemmungsloser Diffamierung durch die Kunst der Satire, sondern auf wohlwollender Toleranz und gegenseitigem Respekt. Für Terrorismus und Fremdenhass gibt es keine Rechtfertigung. Zwar ist jetzt die Zeit für Härte in der Verurteilung und Verfolgung der Extremisten, aber auch für mehr Gelassenheit im Umgang mit dieser Herausforderung. Der Westen hat Angst, doch Angst ist immer ein schlechter Beweggrund, um aktiv zu werden. Angesichts des drohenden Kulturkampfes in Europa müssen wir zusammenstehen. Das können wir erst, wenn wir jeden Fanatismus und jede Ungerechtigkeit als unser aller Problem begreifen.