Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny

Die Verfilmung von "50 Shades of Grey", Baumärkte, die ihr Personal für besondere Kundenwünsche infolge des Kinobesuchs instruieren, Sadomaso im Mainstream angekommen - genug Anlass, um eine Frage zu stellen, die mich schon lange beschäftigt: Ist die sexuelle Revolution eigentlich gelungen?

Sie erinnern sich - die sexuelle Revolution war jene Bewegung, die im Gefolge der 68er Revolten auch die Sexualität befreien wollte. Aus unterschiedlichen Beweggründen - aus hedonistischer Lebensbejahung ebenso wie aus feministischem Aufbegehren. Die Frage nun, ob diese Revolution gelungen sei, diese Frage hat eine eindeutige Antwort: jein.

Etwas ist natürlich geschehen. Die öffentliche Sexualmoral hat in den letzten Jahrzehnten einen derartigen Wandel durchgemacht, wie er Jahrhunderte lang undenkbar war. Da, wo die sexuelle Revolution gegen die Verklemmtheit der 1950er Jahre angetreten ist, war sie erfolgreich. Ebenso gegen Sittenwächter wie Zensur oder Jugendschutz. Auch Schulen haben sich in dieser Hinsicht stark verändert. Und jetzt sind sogar schon Baumärkte Teil des sexuellen Dispositivs. Das, was da stattgefunden hat, war eine Enttabuisierung sexueller Themen. Von der Verklemmtheit hat das Pendel innerhalb kürzester Zeit ins andere Extrem umgeschlagen: in eine öffentliche Enthemmung.

Was der sexuellen Revolution jedoch nicht geglückt ist, das ist die Einlösung ihrer Glücksverheißung. Sie hat das Versprechen von Befreiung, das Versprechen von freier Liebe nicht gehalten. Ebenso wenig wie sich die Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderung durch sexuelle Befreiung erfüllt haben. Stattdessen haben wir eine Übersexualisierung, eine permanente Inszenierung des Sexuellen, die einer Banalisierung gleichkommt - eine überstrapazierte Metapher für alle Rausch- und Glücksvorstellungen. Die Folge davon ist eine doppelte.

Zum einen eine massive Ambivalenz, in der unsere Beziehungen heute stecken: Sie sollen enttabuisierte Sexualität und Liebe, Freiheit und Bindung bieten. Gleichzeitig. Es ist dies eine Überforderung, die sie nicht leisten können. Scheidungs- und Trennungsraten zeigen das deutlich.

Zum anderen aber hat die Veränderung des Sexuellen auch die moralischen Gebote, die Paarungen regelten, untergraben. Paare müssen diese jeweils selbst aushandeln. Und genau da greift eine Erzählung wie "50 Shades of Grey".

Es war die Soziologin Eva Illouz, die darauf hingewiesen hat, dass das wesentliche Moment der Story der Vertrag ist, den die beiden Protagonisten zur Regelung ihres Verhältnisses schließen. Ein Vertrag, der an die Stelle gesellschaftlicher Normen tritt und der eine losgelöste Sexualität wieder mit Regeln und Vorschriften versehen soll. Regeln, die nicht nur ein Machtverhältnis, die freiwillige Unterwerfung des einen Partners, vorgeben, sondern dabei auch das überkommene Geschlechterverhältnisse rekonstruieren. Der Vertrag erlöst das Paar von den widersprüchlichen Wünschen nach Begehren und Bindung. Er schafft Eindeutigkeit. Offenbar gibt es ein Bedürfnis danach. Denn die sexuelle Revolution hat keine Befreiung, sondern eine Enttabuisierung gebracht, deren Ambivalenzen nur schwer erträglich sind. "Sexualität ist heute", schrieb Jan Feddersen in der "taz", "so hart wie der Rest des Lebens."