Christian Ortner.
Christian Ortner.

Wenn es um etwas Wichtiges geht, vertrauen wir üblicherweise Profis und meiden Amateure. Kein halbwegs vernünftiger Mensch würde sich deshalb seinen Blinddarm von jemandem herausoperieren lassen, der zwar nicht Medizin studiert hat, aber sich als Amateur sehr für Chirurgie interessiert. Und niemand würde sich vor dem Strafgericht von jemandem verteidigen lassen, der zwar kein Jurist ist, aber fast alle John-Grisham-Romane gelesen hat.

Trotzdem vertrauen seit geraumer Zeit immer mehr Menschen bei der Beschaffung von Informationen, bei Analysen und Einschätzungen zu relevanten Ereignissen Amateuren und Laien: Leuten, die im Internet verbreiten, was sie sich irgendwo zusammengegoogelt haben, dies prompt für die Wahrheit halten und weiterverbreiten und sich selbst deshalb gern als "Bürgerjournalisten" oder "Alternative Medien" bezeichnen. Das Internet ist voll davon, manche haben User-Zahlen, von denen etablierte Informationsanbieter nur träumen können.

Was sie irgendwo im Internet lesen, hat für immer mehr Menschen das gleiche Gewicht wie Informationen, die von professionellen und (hoffentlich) reputierlichen Medien angeboten werden. Dass sich die Konsumenten damit oft Informationen und Einschätzungen einhandeln, deren Qualität jener des Amateur-Chirurgen oder des Hobby-Straffverteidigers entspricht, ist ihnen wahrscheinlich gar nicht bewusst.

Die Folge dieses eigentümlichen Medienkonsums ist eine deutliche Verschlechterung und Versumpfung des demokratischen Diskurses. Je weiter die teils haarsträubenden Theorien und Behauptungen (jüngst etwa zum Thema Impfen, zur russischen Aggression in der Ukraine oder zum Freihandelsabkommen TTIP) in die öffentliche Debatte vordringen, umso schwieriger wird eine halbwegs vernünftige Erörterung politisch relevanter Sachverhalte. Und umso schwieriger wird es, fundierte demokratische Entscheidungen herbeizuführen.

Zum Teil sind die traditionellen Medien durchaus selbst schuld daran, dass ihnen die Amateure immer mehr das Wasser abgraben. Einerseits, weil sie dem Publikum viel zu wenig klargemacht haben, dass ihre eingeführten Standards - etwa Recherche, Zugang zu Primärquellen, das Prinzip von Check und Gegencheck - viel wertigere und belastbarere Informationen, Einordnungen und Analysen ergeben als die Ergüsse der publizistischen Laienspieler, die daran ja nicht im Geringsten gebunden sind. Und andererseits, weil diese traditionellen Medien sich in der jüngeren Vergangenheit selbst nicht immer an jene Standards gehalten haben, mit denen sie ihren Qualitätsanspruch zu belegen glauben (in Großbritannien ist etwa jüngst der Chefkommentator einer renommierten Tageszeitung zurückgetreten, weil eine inserierende Bank die Berichterstattung des Blattes beeinflussen konnte).

Dass immer mehr Menschen sich von passiven Informationsempfängern zu aktiven Teilnehmern am öffentlichen Diskurs weiterentwickeln, ist grundsätzlich ja durchaus erfreulich. Aber nur, wenn gleichzeitig die Medienkonsumenten lernen, zwischen wertiger und weniger wertiger Information zu unterscheiden. Denn sonst steigt mit der Vielfalt der angebotenen Informationen vor allem deren Einfältigkeit.