Wolfgang Jamann ist Generalsekretär von Care International. Er hat als humanitärer Helfer im Südsudan gearbeitet.
Wolfgang Jamann ist Generalsekretär von Care International. Er hat als humanitärer Helfer im Südsudan gearbeitet.

Als ich in den 1990ern als humanitärer Helfer im Süden des Sudans arbeitete, steckte das Land schon seit Jahren in einem unerbittlichen Unabhängigkeitskampf. Doch obwohl es der längste Bürgerkrieg Afrikas war, gaben die Menschen ihre Hoffnung auf Frieden und einen eigenen Staat nicht auf. Und tatsächlich: Nach einem Friedensabkommen folgte am 9. Juli 2011 endlich die lang ersehnte Unabhängigkeit des Südsudan. Die Euphorie war groß, doch Sicherheit, Stabilität und Entwicklung ließen auf sich warten. Seit Dezember 2013 versinkt der jüngste Staat der Erde erneut in Gewalt.

Im heurigen Mai erreichten die gewaltsamen Angriffe auf Menschen im Norden des Landes einen neuen traurigen Höhepunkt: Zehntausende wurden zur Flucht gezwungen. Laut UNO starben dabei dutzende Kinder.

Leid und Schmerz sind allgegenwärtig. Mehr als vier Millionen Menschen - mehr als ein Drittel der Bevölkerung - sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Mehr als zwei Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht: Sie suchen Schutz in Nachbarländern, in UNO-Schutzzonen innerhalb der eigenen Landesgrenzen oder in lokalen Gastgemeinden, die, umringt von umkämpften oder überschwemmten Gebieten, oftmals von jeglicher Versorgung abgeschnitten sind.

Hilfsorganisationen unterstützen Menschen in besonders vom Konflikt betroffenen Regionen wie etwa im Norden des Landes. In Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung hilft auch Care dabei, medizinische Versorgung in abgelegenen Gebieten zu leisten. Ohne diese Hilfe müssten die Menschen dreitägige Wanderungen durch Kampf-, Fluss- und Sumpfgebiete zurücklegen, um Medikamente oder medizinische Behandlungen zu erhalten.

Auch der Zugang zu ausreichend Nahrung ist schwierig: Rund 3,8 Millionen Menschen im Südsudan sind von akuter Nahrungsmittelunsicherheit betroffen, und Experten gehen davon aus, dass in den kommenden Wochen bis zu 4,6 Millionen Menschen nicht genügend zu essen haben werden. Diese Zahlen sind unfassbar hoch, aber ohne die Unterstützung von Hilfsorganisationen müssten noch wesentlich mehr Menschen täglich hungrig zu Bett gehen.

Heute, vier Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung, steht der Südsudan am Scheideweg: 18 Monate Konflikt, eine geschwächte Regierung und sinkende Ölpreise belasten die Wirtschaft des Landes schwer. Preise steigen kontinuierlich, besonders für Grundnahrungsmittel. Viele Südsudanesen müssen etwa 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben - das ist lebensbedrohlich, insbesondere für Kinder, Frauen, Kranke und ältere Menschen.

Selbst wenn die Kampfhandlungen noch heute beendet würden, werden die Folgen des Konfliktes noch jahrelang spürbar sein. Die internationale Gemeinschaft kann und darf deshalb nicht aufgeben. Unsere Unterstützung muss dem Land eine Zukunft schenken. Wir müssen weiter für Frieden eintreten und eine politische Lösung finden, die der Gewalt ein Ende setzt und den Traum von Sicherheit, Stabilität und Entwicklung wahr werden lässt.

Die Südsudanesen haben unvorstellbares Leid erlitten und dabei nie Würde und Hoffnung verloren.

Wir dürfen sie nicht enttäuschen.