Christian Ortner.
Christian Ortner.

Wenn es um Asylwerber geht, haben derzeit die meisten Menschen in Europa zwei Bilder vor Augen: Das eine zeigt ein mit Menschen schwarzer Hautfarbe überlastetes Boot, das irgendwo im Mittelmeer treibt, das andere ein junges, dunkeläugiges Mädchen aus Syrien oder dem Irak. So illustrieren die meisten Medien ja auch ihre Berichte zur Migrationsflut, die über Europa schwappt.

Bilder, die Emotionen wecken, ein Argument für eine insgesamt großzügigere Asylpolitik zu sein scheinen, aber die Realität nicht korrekt abbilden.

Denn laut jüngsten Eurostat-Daten stammten im ersten Halbjahr 2015 in der EU insgesamt die meisten Asylwerber aus - Europa. Bemerkenswerte 35 Prozent aller Erstanträge auf Asyl wurden von Europäern gestellt, und zwar größtenteils von Serben, Kosovaren, Makedoniern und Albanern; nur 25 Prozent von Menschen aus Nahost, vor allem von Syrern und Irakern, und nur 19 Prozent von Afrikanern.

Nun sind die Lebensbedingungen am Westbalkan gewiss wenig erfreulich, schon gar für Sinti und Roma, aber einen Asylgrund im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention (Krieg, politische oder religiöse Verfolgung etc.) stellen sie sicher nicht dar. Politisch wenig korrekt, aber dafür erfrischend klar hat das jüngst Serbiens Premier Aleksandar Vucic formuliert: "Das sind ja keine Asylbewerber. Die wollen deutsches Geld." Dem kann ist kaum zu widersprechen. Wenn in Serbien das durchschnittliche Monatseinkommen 380 Euro beträgt, kann man nachvollziehen, wie attraktiv Serben der deutsche Sozialstaat erscheint; von noch ärmeren Winkeln des Westbalkan ganz zu schweigen.

Was für durchschnittliche Medienkonsumenten wie eine einzige riesige Mittel- und Nordeuropa überflutende Welle von Migranten aussieht, besteht aus zwei völlig unterschiedlichen Phänomenen, die kaum etwas miteinander zu tun haben: einerseits zum größeren Teil vom Westbalkan stammende Wirtschaftsflüchtlinge, die im Normalfall keinen Anspruch auf Asyl haben - und andererseits ein kleinerer Teil tatsächlicher Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak und mehreren von (Bürger-)Kriegen heimgesuchten afrikanischen Staaten. Weil aber in der politischen wie in der medialen Debatte diese beiden Handlungsstränge dauernd miteinander vermischt werden, ist diese mittlerweile völlig irrational geworden.

Rational und vernünftig wäre, die fast ausschließlich ökonomisch getriebene Migration vom Westbalkan mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterbinden, damit den Migrationsdruck auf die EU insgesamt zu verringern und die dadurch frei gewordenen logistischen, finanziellen und personellen Kapazitäten zu nutzen, um die zahlenmäßig deutlich kleinere Gruppe echter Kriegsflüchtlinge angemessen versorgen zu können.

Dass die EU die wirtschaftlichen Probleme des ehemaligen Jugoslawien dadurch löst, dass sie einen Teil der dortigen Bevölkerung als Pseudo-Asylanten importiert, wird nur für erstrebenswert halten, wer die Union von innen in die Luft jagen will.

Präzise zwischen den unterschiedlichen Motiven von Migranten zu unterscheiden, gilt als herzlos und kalt. Anders aber werden die von Migration verursachten Probleme nicht in den Griff zu kriegen sein.