Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny

Dieser Tage, von 7. bis 9. August, findet etwas Bemerkenswertes statt: ein Sommerlager der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei. Auf Utöya. Das ist jene Insel, wo der Rechtsextremist Anders Breivik vor vier Jahren bei einem Attentat 69 Menschen, meist Jugendliche, erschossen hat. Vier Jahre lang blieb die Insel verwaist. Heuer ist das traditionelle Sommercamp erstmals wieder an diesen Ort des Schreckens zurückgekehrt.

Ein schwerer Schritt. Aber die Jusos wollten sich Utöya nicht nehmen lassen. Sie wollen diesen Ort dem Schrecken entreißen und wieder zu einem Ort der Freude machen. Auch inhaltlich ist diese Rückkehr des Lebens auf Utöya geprägt von den Geschehnissen. Dieser Tage sollen dort die Folgen von politischem Extremismus diskutiert werden. In dem Zusammenhang lohnt es sich, sich an die Diskussion zu erinnern, die das "Manifest" des Täters ausgelöst hat.

Bemerkenswert war, dass dieses nicht völlig abgelöst vom öffentlichen Diskurs, sondern vielmehr durch zahlreiche Fäden mit diesem verknüpft war. Seitenweise wurden Autoren zitiert, von denen manche in angesehenen Medien publizierten. Es gab also eine Verbindung zwischen der radikalen Tat und den politischen Äußerungen, auf die sich der Täter berief. Es ist vielleicht nicht überflüssig, sich heute diese Verbindung in Erinnerung zu rufen.

Es ist keine direkte Kausalität, die vom öffentlichen Diskurs zum Attentat führt. Und dennoch stehen die politischen Äußerungen, auf die sich der Attentäter berief, die Texte, die er zitiert, in einem Zusammenhang mit der Gewalt. Der Zusammenhang, in den sich der Attentäter eingereiht hat, der Zusammenhang, den fremdenfeindliche, rassistische Stellungnahmen hergestellt haben und weiterhin herstellen, ist jener eines Tonfalls, nein mehr: Es ist jener einer Emotion. Die ideologische Grundlage, auf die sich der Attentäter stützte, all diese Texte sind nicht einfach inhaltliche Beiträge zu einer Debatte um Migration, Integration und Flüchtlinge, wie man heute hinzufügen würde. Es sind vielmehr apokalyptische Untergangsphantasien, die den öffentlichen Raum für ein Gefühlsgemenge aus Hass, Hysterie und Paranoia öffnen.

Öffnen ist da ein zu schwaches Wort, eigentlich ist es ein Enthemmen. Sie enthemmen den Raum der öffentlichen Rede und verletzen ihn dadurch. Es ist dies ein sehr fragiler Bereich. Und die letzten Jahre haben ihn nachhaltig verändert. Nicht nur indem die Grenze des Sagbaren verschoben wurde, sondern auch indem eine ungehemmte Aggression zugelassen wurde. Indem Angst und Aggression zur vorherrschenden Emotion gemacht wurde.

Und wenn wir heute über die Worte reden, mit denen wir über Fremde, Asylanten und Flüchtlinge sprechen, dann gilt es zu erinnern: Im öffentlichen Raum sind Wörter nicht einfach Wörter. Worte wie "Asylflut" haben den Effekt, dass Ideen zur Bühne für Gefühle werden. Durch solche Worte verliert der öffentliche Raum seine zivilisierende Funktion. Ressentiment darf öffentlich auftreten, irrationaler Hass ist erlaubt. Er trieft auch aus den neuen Schlachtfeldern des Internets, den Postings.

Wortklauberei? Worte schaffen einen öffentlichen Emotionsraum. Wir sollten daran im Vorhinein erinnern.Es ist schön, dass die Jusos auf Utöya zurückgekehrt sind.