Gabriele Weichart lehrt am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Martin Slama ist Mitarbeiter des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Gabriele Weichart lehrt am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Martin Slama ist Mitarbeiter des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Als der österreichische Sozialanthropologe Robert Heine-Geldern (1885 bis 1968) im Jahr 1923 Südostasien erstmals als Feld sozialwissenschaftlichen Forschens definierte, konnte er wohl nicht ahnen, dass diese Region fast 100 Jahre später so viel wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde.

Die Konferenz der European Association for Southeast Asian Studies (EuroSEAS), die weltweit größte wissenschaftliche Vereinigung, die sich dem Studium Südostasiens widmet, hält von 11. bis 14. August ihre Konferenz an der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ab. Rund 500 Forscherinnen und Forscher aus aller Welt diskutieren eine Vielzahl von Themen, die jedoch alle auf die Dynamik dieser Region verweisen.

Myanmar (Burma) zum Beispiel befindet sich in einem Prozess der Öffnung, in Thailand stellt sich die Frage, wie es nach dem Militärputsch weitergehen soll, und in Indonesien sind faszinierende Demokratisierungsprozesse vor allem auf lokaler Ebene zu beobachten.

Südostasien ist auch die Region der Regenwälder und Palmölplantagen, der entlegenen Taucherparadiese und des illegalen Fischfangs - und einer Reihe umweltpolitischer Probleme, die auf dem Land wie in den Megastädten unübersehbare Konsequenzen zeigen.

Mehr noch zeigt sich in Südostasien, dass - und hier sei nur auf die jüngste Krise in Thailand verwiesen - mit den herkömmlichen, meist in der westlichen Welt entwickelten sozialwissenschaftlichen Ansätzen aktuelle Phänomene schwer zu fassen sind, was schon Heine-Geldern in seinen Schriften zu südostasiatischen Konzepten von Herrschaft aufzeigte.

Südostasien sprengt auch Klischees, wenn in Myanmar radikale buddhistische Mönche zu Gewalt gegen die muslimische Minderheit aufrufen, oder wenn in Indonesien, dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit, die zentralen Vertreter des Islam an einer Theologie arbeiten, die sowohl lokale Traditionen als auch neueste Spielarten der Moderne miteinbezieht und damit diese bewusst engen Interpretationen ihrer Religion entgegenstellt.

Mit der "Moderne" werden in Südostasien vor allem auch soziale Medien assoziiert, die sich einer fast uneingeschränkten Popularität erfreuen - Jakarta wird zum Beispiel oft als Twitter-Hauptstadt der Welt bezeichnet - und für deren User europäische Bedenken bezüglich Privatsphäre exotisch anmuten.

Und schließlich ist heute Südostasien (fast) überall: Es gibt kaum ein wohlhabendes Land auf dieser Welt, wo nicht Migrantinnen und Migranten aus Südostasien arbeiten, kaum eine Stadt, wo man nicht in thailändischen oder vietnamesischen Restaurants essen kann. Und vermehrt nimmt die wachsende Mittelschicht Südostasiens auch das touristische Angebot Europas an.

Diese Entwicklungen sind nicht nur für Wissenschafterinnen und Wissenschaftern interessant. Sie zeigen die politische, sozio-ökonomische, aber auch kulturelle Dynamik einer aufstrebenden Weltregion, die ihren Platz neben China und Indien zu behaupten sucht - und deren Potenzial auch für Europa an Bedeutung gewinnt und daher vermehrt Aufmerksamkeit verdient.