12. September 2015, 13:00 Uhr Kabul Time: Der endlose Flüchtlingsstrom erreicht nun auch die Grenze von Tadschikistan zu Afghanistan. Am Fernsehbildschirm. Ein mehrminütiger Bericht in den Nachrichten eines wichtigen afghanischen TV-Senders berichtet in ungewöhnlich ausführlicher Weise über ein Land, das durch seine internationale englische Bezeichnung mitunter für Verwirrung sorgt: Austria. Oder war etwa doch von Australia die Rede? Nein, kann nicht sein. "Australia" behandelt Flüchtlinge bekanntermaßen doch nicht so .... (Achtung: Überraschung!) menschlich. Ein genaueres Hinhören des hinterfragenden Afghanen bestätigt: Wien, die Hauptstadt "Austrias", die gefühlt letzte Station vor Deutschland, ist es, das sich um flüchtende, völlig erschöpfte Menschen auf sagenhaft menschliche Weise an Bahnhöfen annimmt. Diese Sensation sind dem Sender einige Minuten eingehender Reportage samt Interviews von Persisch sprechenden Helfern und neu angekommenen afghanischen Flüchtlingen wert.

Das alles hat sich also genauestens bis Afghanistan durchgesprochen. Wie übrigens genauso der schockierende Fund von über 70 toten Flüchtlingen im Kühlraum eines LKWs. Ebenso dass Ungarn neuerdings Stacheldrahtzäune gegen den Hilfe suchenden Flüchtlingsstrom errichtet hat. Und das deutsche Statement, internationalen Schutzsuchenden Obdach zu gewähren.

Vor allem für die heranwachsende Jugend Afghanistans sind diese Meldungen ein gewisser Hoffnungsschimmer. Aufgewachsen zwischen den Fronten es völlig sinnlos erscheinenden und nicht enden wollenden Kriegs, der in der Zwischenzeit schon jeden Bürger als auch Besucher für westliche, insbesondere amerikanische Augen reflexartig zum Terrorverdächtigen macht, ist das Ringen um jede Art von Anerkennung zum persönlichen und gesellschaftlichen Lebensprojekt geworden. Und da gibt es jetzt plötzlich Länder mitten in Europa, die sich allen Ernstes um ihre Biodaran und Hamshiregan kümmern, wie Afghanen ihre Landsleute bezeichnen. Nachsatz: Als Menschen kümmern. Besser: Als Menschen menschlich und unvoreingenommen kümmern. Eine kleine Sensation!

Flucht gab es ja schon vorher. Im Jahre 2013 zum Beispiel wurden 814.015 geflüchtete Afghanen im Iran, 1.615.876 in Pakistan gezählt. Geht man zurück ins Jahr 2003, wurde da ganzen 107 ausgewählten afghanischen Seelen sogar Asyl-Einlass ins religiös observante Saudi Arabien gewährt. Das sind immerhin noch 67 mehr als beispielsweise bis 2007 ins angrenzende Katar (Quelle: UNHCR; Nach den angeführten Jahreszahlen liegen keine Angaben vor). Der Anblick von Flüchtenden stößt auch nicht bei allen automatisch auf Mitleid. TheGuardian zitierte kürzlich einen jungen afghanischen Studenten, der miterlebte, wie auf der Flucht zwei Menschen an einer Grenze zur Türkei erschossen wurden. Deshalb haben Fernsehberichte wie der eingangs erwähnte eine besondere Wirkung. Als Flüchtling, als afghanischer Flüchtling, wahrgenommen und gar noch als Mensch behandelt zu werden, noch dazu von Fremden anderer Konfession, das ist ein starkes Signal: Nach über drei Jahrzehnten Krieg ist wohl doch noch nicht alles an menschlicher Aufmerksamkeit ihnen gegenüber verloren gegangen.