Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny

Angstforscher müsste man sein. Da hätte man jetzt Hochkonjunktur.

Da gibt es zum einen die nackte Überlebensangst jener, die unter Lebensgefahr aus der Todeszone fliehen, die einstmals ihre Heimat war. Dann gibt es die ganz andere Angst der Europäer: Da kann man wiederum unterscheiden zwischen der sozialen Angst vor Deklassierung und der kulturellen Angst vor dem "Fremden". Die offenen Rassisten sind nur der sichtbarste Teil davon. Zu all diesen direkten, unmittelbaren Ängsten kommt noch eine weitere hinzu - eine Angst zweiter Ordnung gewissermaßen: die Angst vor der Angst der anderen. Man täusche sich nicht - die Angst vor der Angst ist ein Hund. Sie ergreift jene, die sich selbst als wohlwollend und gutmeinend verstehen, die aber die Angst, die sie den anderen unterstellen, zu den wildesten apokalyptischen Untergangsszenarien verleiten: Sie sehen blutige Auseinandersetzungen, Aufstände, den Durchmarsch der Rechten, die Orbanisierung Europas, das Ende der Europäischen Union kommen. Zum Schluss ist dann nicht mehr klar, was die Apologeten des Untergangs des Abendlandes von den Apokalyptikern der blutigen Konfrontation unterscheidet.

In jedem Fall ist die europäische Angst, ob nun rational oder irrational, ein Indikator. Sie verweist auf ein massives Geschehen: darauf, dass die vertraute Welt, also Normalitäten, Sicherheiten infrage gestellt sind. Ich spreche hier nicht von einem kulturellen Befremden oder von ökonomischen Ängsten - all das sind auf die Zukunft projizierte Unsicherheiten. Ich spreche von dem, was bereits jetzt stattfindet: die Tatsache, dass bislang wesentliche politische Parameter, Konzepte wie Grenze oder Souveränität, infrage gestellt sind. Das kann kein Zaun der Welt wiederherstellen. "In der rührenden Ohnmacht von Politikern und Bürgern, die vergeblich nach Zäunen und Transitlagern, nach einer flotten Schließung der Grenzen rufen, spiegelt sich nostalgische Sehnsucht. Der souveräne, seine Grenzen kontrollierende und übersichtliche Verhältnisse garantierende Staat ist obsolet geworden - erst recht in Europa", so Jürgen Habermas.

Ist das jetzt der vielzitierte Ausnahmezustand? Das bedrohliche Szenario, wo der Staat von der rechtlichen Ordnung befreit ist und nur noch die Entscheidung gilt, wer Freund und wer Feind ist? Oder hat Angela Merkel vielleicht einen ganz anderen, einen gewissermaßen positiven Ausnahmezustand hergestellt - mit ihrer einsamen Entscheidung, Schengen und Dublin außer Kraft zu setzen und das Europa der Menschenrechte der Festung Europa überzuordnen, wie Etienne Balibar meint?

Aber ist Ausnahmezustand wirklich der adäquate Begriff? Gäbe es einen solchen, dann gäbe es einen Souverän, der darüber gebietet. Der ist zum Glück nicht in Sicht. Wäre es ein positiver, dann gäbe es nicht jene massive Polarisierung, mit der wir überall konfrontiert sind. Statt von Ausnahme sollten wir eher von einem anarchischen Zustand sprechen. Das ist es, was Angst macht! Nicht das bisschen kulturelle Fremdheit, auch nicht die ökonomische Unwägbarkeit, sondern das anarchische Moment dort, wo bislang Politik war. Und deshalb verhallen die Stimmen der Vernunft, die eine "Entdramatisierung" fordern, die von lösbaren Problemen, ja sogar von Chancen sprechen.