Mir ist klar, dass die Pensionsthematik ausgesprochen komplex ist und Journalisten keine Wunderwuzzis sind, auch wenn sie gerne eine Generalexpertise vor sich hertragen. Mir stößt aber zunehmend die Selbstverständlichkeit sauer auf, mit der viele Männer über das Frauenpensionsalter diskutieren, ohne wirklich Ahnung zu haben oder betroffen zu sein. Aber alle sind sich einig, dass eine vorzeitige Anhebung unabdingbar ist. Da gibt es keine Hemmungen - von der Bankrotterklärung unseres Pensionssystems an sich bis hin zu lautstarken Forderungen von Männern, dass wir Frauen gefälligst auch länger arbeiten sollten (besonders weil wir doch länger leben), wird sämtlicher Unfug getrommelt - völlig egal, wie weit er von der Lebensrealität von Frauen entfernt ist.

Auch wenn man sie im derzeitigen Getöse kaum hört, aber es gibt auch noch Menschen, die der Idee eines neoliberalen Umbaus des Pensionssystems nichts abgewinnen können. Zur Faktenlage: Die Anhebung des Frauenpensionsalters ist bereits beschlossene Sache. Ab 2024 steigt es schrittweise an, 2033 werden alle Frauen bis 65 arbeiten. Diese Fristen wurden nicht gewürfelt - sie wurden festgesetzt, um soziale Härten für Frauen abzufedern.

Die schrittweise Angleichung der Pensionsantrittsalter wurde bereits 1992 in einem Bundesverfassungsgesetz beschlossen. Flankierend sollten Ungleichheiten im Erwerbsleben beseitigt werden. Wie wir wissen, gibt es da noch reichlich Verbesserungsbedarf (Stichworte Gehaltsschere und Teilzeitfalle). Ich wage übrigens zu behaupten, dass die Gehaltsschere auch noch auseinanderklaffen wird, wenn Frauen bis 65 arbeiten. In 17 Jahren werden sie vermutlich noch immer den Großteil der unbezahlten Arbeit und Kinderbetreuung leisten und noch immer nur mit dem Mikroskop in den Chefetagen zu finden sein.

Völlig unverständlich bleibt daher für mich, dass bereits ausverhandelte Maßnahmen in Frage gestellt werden, wenn man gerade schnelle und billige Slogans braucht. Das Einlenken der ÖVP ist grundsätzlich erfreulich. Es bleibt abzuwarten, ob das Frauenpensionsalter nach der Bundespräsidentschaftswahl nicht doch wieder ganz oben auf der konservativen Agenda stehen wird.

Die Realität besteht eben (leider) nicht aus Heerscharen arbeitsfähiger Frauen 55+, die es sich zu bald in der Pension gemütlich machen. Fast ein Drittel tritt die Pension aus Arbeitslosigkeit heraus an. Aktuell sind rund 34.000 Frauen über 50 arbeitslos, um 15 Prozent mehr als 2014. Obwohl das gesetzliche Pensionsalter von Frauen bei 60 Jahren und bei Männern bei 65 Jahren liegt, gehen Frauen im Durchschnitt nur 2 Jahre früher in Pension.

Auch das Argument der Frauendiskriminierung sticht nicht: Der Arbeitgeber kann eine Frau nicht mit 60 in Pension zwingen! Wer darauf besteht, länger zu arbeiten, darf das auch. Das haben die Gerichte schon mehrfach und eindeutig entschieden. Hier kann ich Frauen nur raten, die Probe aufs Exempel zu machen: Es wird nicht der Gesetzgeber sein, der ihnen hier Steine in den Weg legt.

Eine vorzeitige Anhebung des Frauenpensionsalters ist kein emanzipatorischer Akt. Sie sorgt auch nicht für sozialen Ausgleich, sondern führt zu einer schlechteren sozialen Absicherung für jene Hälfte der Bevölkerung, die ohnehin bereits strukturell benachteiligt ist. Das ist doch eigentlich nicht so schwer zu verstehen.