Als ich im vergangenen Mai erstmals in Saada im Jemen ankam, gab es in der Stadt täglich Luftangriffe. Wir lebten im Keller des Krankenhauses, denn die Bomben schlugen ganz in der Nähe ein. Bei jedem Einschlag bebten die Fenster und Türen. Zwei Monate später war die Stadt fast vollständig zerstört und menschenleer.

Derzeit sind die Luftangriffe etwa 20 Kilometer von der Stadt entfernt, nahe der Grenze zu Saudi-Arabien. Unser Team lebt nicht mehr im Keller, sondern in einem nahegelegenen Haus. Viele Menschen sind in die Stadt zurückgekehrt und leben in den Gebäuden, die noch stehen. Einige Geschäfte haben wieder geöffnet, und auf dem Markt kann man Früchte und Kleidung kaufen.

Doch außerhalb der Stadt, in den Gegenden mit vielen Vertriebenen, ist die Situation sehr besorgniserregend. Die Menschen leben in kleinen Zelten und haben nur eingeschränkten Zugang zu Wasser und medizinischer Grundversorgung. Vor zehn Tagen haben wir einigen der Vertriebenen grundlegende Hilfsgüter gebracht.

Mehr Krankenhausbetten

Das Krankenhaus hat sich seit meiner Ankunft stark verändert. Wegen der dringenden medizinischen Bedürfnisse der Menschen wurde die Anzahl der Spitalbetten von 30 auf 94 erhöht, die Intensivstation wurde von 7 auf 16 Betten erweitert. Als Notärztin, die auf innere Medizin spezialisiert ist, verbringe ich die meiste Zeit auf der Intensivstation und der stationären Abteilung.

Mehr als 90 Prozent unserer Patienten sind Kriegsverletzte, die bei Luftangriffen verwundet wurden. Am 21. Jänner gab es nach einem Luftschlag in Dhayan - etwa 22 Kilometer nordwestlich von hier - viele Tote und Verletzte. Als die Rettungswagen am Ort des Geschehens eingetroffen waren, wurde dieselbe Stelle erneut bombardiert, wodurch viele weitere Menschen getötet wurden. Einer unserer Rettungsfahrer kam ums Leben, und auch die vier oder fünf Verwundeten, die er in seinem Fahrzeug transportierte, starben.

Die ersten Patienten erreichten uns um drei Uhr nachmittags, sie wurden von Personen in ihren Privatautos zu uns gebracht. Sie sagten, dass weitere Verletzte unterwegs zu uns seien. Die sieben oder acht Patienten waren alle in einem kritischen Zustand, und einige mussten sofort wiederbelebt werden. Wir aktivierten sofort unseren Notfallplan: Wir organisierten zusätzliches Personal und medizinisches Material, stellten vor dem Spital Zelte auf, in denen die Triage durchgeführt wurde (eine Notfall-Prozedur für das Eintreffen vieler Verletzte zugleich, bei der zunächst die besonders schweren Fälle behandelt werden), verlegten stabile Patienten und nahmen unseren dritten Operationssaal in Betrieb.

Angst vor Angriffen auf Spital


Als ein paar Minuten später weitere Verletzte eintrafen, war alles vorbereitet. Es war sehr gutes Teamwork. Wir haben bereits so viele Situationen mit vielen Notfallpatienten gleichzeitig erlebt, dass unsere Mitarbeiter genau wissen, was zu tun ist. Viele Patienten mussten sofort nach ihrer Einlieferung in den Operationssaal gebracht werden. Wir haben vier Chirurgen - zwei allgemeine und zwei orthopädische - und sie leisten fantastische Arbeit. Aber es ist hart. Um sieben Uhr abends hatten wir bereits 41 Verwundete aufgenommen.

Der getötete Rettungsfahrer hatte lange Zeit im Krankenhaus gearbeitet, und jeder kannte ihn. Als wir vom Luftangriff auf Dhayan erfuhren, war er der Erste, der losfuhr, um diese Menschen zu retten. So war er - ein sehr gütiger und engagierter Mensch, immer bereit, anderen zu helfen. Wir waren alle sehr traurig über seinen Tod.

Nachdem im Oktober das Krankenhaus in Haydan und im Jänner das Shiara-Krankenhaus angegriffen worden waren, sanken die Patientenzahlen; die Menschen hatten Angst davor, dass weitere Krankenhäuser attackiert werden könnten. Doch nach einigen Wochen kamen die Menschen allmählich zurück. Neben Kriegsverletzten versorgen wir nun auch wieder mehr Patienten mit chronischen Krankheiten und begleiten mehr Geburten. Zudem betreuen wir viele Frauen vor der Entbindung. Daher haben wir die Zahl unserer Hebammen erhöht.

Auch wenn die Umstände schwierig sind und die Arbeit eine große Herausforderung ist, arbeite ich sehr gerne hier. Die Menschen sind extrem freundlich und schätzen unsere Unterstützung sehr. Wir geben unser Bestes dafür, ihnen zu helfen.

Zur Autorin

Mariela Carrara

ist argentinische Notärztin und derzeit für die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) in der Stadt Saada im Nordjemen im Einsatz.