Paul Mychalewicz unterrichtet Englisch und Geschichte an einem Wiener Gymnasium
Paul Mychalewicz unterrichtet Englisch und Geschichte an einem Wiener Gymnasium

Beim neuen Lehrplan für Geschichte in der 6. bis 8. Schulstufe ist man wieder einmal dabei ist, eine Chance zu vertun. Unbestritten scheint, dass man für einen entsprechenden Stellenwert der Politischen Bildung in den Lehrplänen Konsens finden wird. Da es generell schwierig ist, einen neuen Gegenstand einzuführen, ist die Lösung einer Erweiterung der Bezeichnung auf "Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung" auch für die AHS-Unterstufe und die Neue Mittelschule durchaus praktikabel.

Die Umsetzung der Idee ist jedoch ein Schulbeispiel, wie man es nicht machen soll: Zunächst wird die Erarbeitung des neuen Lehrplans jahrelang verzögert, dann aber soll ein mangelhafter und unausgereifter Entwurf übereilt durchgesetzt werden. Offensichtlich muss aus politischen Gründen ein Projekt präsentiert werden, egal in welchem Zustand.

Die Behauptung des Bildungsressorts, die Erfahrungen von Pädagogen bei der Pilotierung des Lehrplans wären in den neuen Entwurf eingeflossen, stimmt überwiegend nicht. Tatsächlich gab es eine Fassung des Texts im Sommer 2015. Zu Schulbeginn wurden schließlich panisch Schulen gesucht, die bereit wären, den neuen Lehrplan zu erproben. Diese Pilotierung befindet sich erst in der Abschlussphase. Dennoch wurde bereits vor deren Beendigung ein Begutachtungsentwurf ausgesandt. Diese nunmehrige Fassung unterscheidet sich nur sehr geringfügig von jener aus dem Sommer 2015.

Mängel, wie fehlende Chronologie und Unausgewogenheit der Module, die Lehrer bei der Erprobungsphase feststellen mussten, sind im Bildungsministerium schlichtweg nicht wahrgenommen worden. Koste es, was es wolle, soll der Lehrplan mit Schulbeginn im heurigen Herbst in Kraft treten. Die jüngst von der "Wiener Zeitung" zitierte Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle hat mit ihrem Hinweis recht, dass sich die Lehrer daher selbst um das Material kümmern müssten. Der Grund für diese unbefriedigende Situation wurde allerdings nicht mehr behandelt. Er liegt vor allem in den fehlenden Schulbüchern. Deren Produktion dauert - nicht zuletzt wegen der langwierigen Begutachtung des Bildungsministeriums - mehr als ein Jahr. Es ist daher völlig logisch, dass dem neuen Lehrplan entsprechende Schulbücher erst mit dem Schuljahr 2017/18 zur Verfügung stehen können.

Kann man die Situation noch retten? Wenn man will, ja. Zum einen müsste man die Erfahrungen der Pilotschulen ernst nehmen und tatsächlich berücksichtigen. Nach jetzigem Stand war die Mühe der Beteiligten ja umsonst. Zum anderen sollte man die Inkraftsetzung des Lehrplans auf das Schuljahr 2017/18 verschieben. Die nächsten Wochen bieten dem Ministerium noch die Gelegenheit, sich mit Sachargumenten konstruktiv auseinanderzusetzen und eine sinnvolle Lösung zu finden. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass den Schülern Politische Bildung gleich an einem Praxisbeispiel demonstriert wird.

Paul Mychalewicz