Bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft waren die meisten Gründungsstaaten noch Kolonialmächte. Die Gründungsverträge sahen daher auch spezielle Vorschriften für die damaligen Kolonialgebiete vor. Im Rahmen einer besonders engen Assoziierung wurden sie eng angebunden. Sie waren zwar territorial nicht Teil der EWG, kamen aber in den Genuss besonders günstiger Handelspräferenzen.

Mit der in den 1960er Jahren beginnenden Entkolonialisierung veränderten sich auch die Beziehungen zu diesen Überseegebieten. Die meisten wurden unabhängig und fielen so automatisch aus den EG-Verträgen. Eine immer kleiner werdende Gruppe von Gebieten und Territorien verblieb jedoch in diesem Sonderstatus - bis heute. Ihre Zahl erhöhte sich durch den EG-Beitritt von Großbritannien und Dänemark. Durch den Beitritt Portugals und Spaniens kamen weitere ultraperiphere Gebiete hinzu.

Heutzutage werden die betroffenen überseeischen Länder und Gebiete einzelner EU Staaten in zwei Gruppen eingeteilt. Einerseits gibt es die "Überseeischen Länder und Gebiete" des Vereinigten Königreichs, der Niederlande, Frankreichs und Dänemarks. Diese erinnern weiterhin an frühere Kolonien und zeichnen sich durch einige Schlüsselmerkmale aus: Sie sind klarerweise keine unabhängigen Staaten und verfügen über keine eigenständige Außenpolitik. Die jeweiligen Mutterländer übernehmen es, ihre Interessen international zu vertreten; auch die Sicherheits- und Verteidigungspolitik liegt in der alleinigen Verantwortung des jeweiligen EU-Heimatstaates.

Fern von Europa, aber mitten im EU-Binnenmarkt


Gleichzeitig genießen die Überseegebiete jeweils unterschiedliche Formen von (Semi-)Autonomien im Bereich von Politik, Verwaltung und Rechtsprechung. Sie sind nicht Teil der EU, europäisches Recht gilt nur insoweit, als es in speziellen Abmachungen und Verträgen ausgehandelt wurde. Sie fallen unter das Instrument der Assoziierung. Die Bewohner dieser Länder besitzen jedoch in der Regel die Staatsbürgerschaft ihres Mutterlandes und sind somit auch Unionsbürger.

Die zweite Gruppe von Überseegebieten ist als "Ultraperiphere Regionen, Regionen und Gebiete in äußerster Randlage" bekannt. Sie sind jeweils vollständige Teile eines EU-Staates und unterscheiden sich so nur durch ihre entfernte Lage vom Rest in Europa. Diese Teile nehmen voll am politischen Leben teil, wählen Volksvertreter in die nationalen Parlamente und unterstehen den Bestimmungen des Europarechts. Etwaige Ausnahmen und Sonderbestimmungen begründen sich aus einer besonderen wirtschaftlichen und geografischen Lage und sind zeitlich begrenzt. Programme und Projekte finanzieren sich aus dem Strukturfond und aus Mitteln der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU.

Diese EU-Gebiete in äußerster Randlage sind ungeachtet ihrer geografischen Abgelegenheit fester Bestandteil des EU-Binnenmarktes. In der Karibik gehören dazu etwa die beiden französischen Übersee-Départements Martinique und Guadeloupe sowie die Übersee-Körperschaft Saint-Martin.

Die aktuelle Assoziierung der "Überseeischen Länder und Gebiete" - der Quasi-Restkolonien der EU - wird im geltenden Vertrage über die Arbeitsweise der EU geregelt. In der Karibik sind dies St. Barthélemy (Frankreich), Aruba, Bonaire, Curaçao, Saba, St. Eustatius und Sint Maarten (Niederlande) sowie Anguilla, die Cayman Inseln, Montserrat, die Turks- und Caicos-Inseln, die Britischen Jungferninseln und Bermuda (England).

Die karibischen Überseegebiete teilen viele historische und sozio-ökonomische Merkmale. Sie sind als "Small Island Economies" zu definieren und blicken auf eine lange koloniale Vergangenheit zurück, in der sie zu Produzenten von agrarischen Exportgütern (vor allem Zucker, Baumwolle und Bananen, meist in Plantagenwirtschaft) für die Weltmärkte gemacht wurden. In der Phase der Entkolonisierung ab den 1960ern suchten viele Gebiete, die entgegen dem Trend in semi-staatlicher Abhängigkeit zu ihrem europäischen Zentrum verblieben, ihr ökonomisches Heil darin, als "Offshore Financial Centre" zu Steueroasen zu werden.

Steuervermeidung als Entwicklungsmodell


Dabei sind insbesondere drei Eckpunkte zu beachten: Erstens hat vor allem Großbritannien proaktiv die Bildung von "Offshore Financial Centres" zur Steuervermeidung betrieben und nutzte dafür meist "Small Island Economies" in ihrer politischen Abhängigkeit. Zweitens hatte die nordamerikanische Finanzindustrie wachsenden Bedarf dabei, institutionelle Bankpartner für die sich immer globalisierende Wirtschaft zu finden. Die Karibik mit ihrer geografischen und sprachlichen Nähe und ihrer Verankerung im Dollar-Währungsraum bot sich hier bevorzugt an. Drittens fanden sich regionale politische und gesellschaftliche Partner auf den Inseln, die Finanztransaktionen als Mittel der wirtschaftlichen Entwicklung nutzen wollten.

Steuervermeidung als Entwicklungsmodell in EU Restkolonialgebieten hängt stark davon ab, in welchen nationalen Abhängigkeiten sich die jeweiligen Gebiete befinden: Die britischen Gebiete zeigen die höchste Affinität zur Schaffung von Steueroasen - erklärbar dadurch, dass das britische Zentrum vergleichsweise wenig Interesse an seinen noch abhängigen "imperialen Restbeständen" zeigt. Über lange Jahre war es die Politik Londons, davon auszugehen, dass die Entkolonisierung aller seiner Gebiete nur eine Frage der Zeit sei. Bis dahin sollen die "Überseeischen Länder und Gebiete" eine möglichst geringe Kostenbelastung für den britischen Haushalt darstellen. Solange sie sich großteils selbst finanzierten und keinen politischen Skandal verursachten, ließ man sie gewähren.