"Wir sind für das Volk und unsere Gegner für die Eliten." So äußerte sich der konservative britische Justizminister, ein Brexit-Befürworter, in einer TV Debatte. Bei einer bipolaren Wahl überrascht es nicht, dass sich die Wähler auf das eine oder das andere Lager verteilen. Anders als Österreich ist Großbritannien weniger zurückhaltend dahingehend, von einer geteilten Gesellschaft zu sprechen. Möglicherweise liegt es daran, dass die Geister eines Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert ausreichend weit in der Vergangenheit zurückliegen.

Aber wie auch in Österreich ist die Teilung nuancierter. Viele stehen in der Mitte zwischen den beiden Lagern. Manche sind für einen "sanften" Brexit, andere würden als Euroskeptiker für einen Verbleib votieren. Viele sind unschlüssig: Vom Herzen her befürworten sie einen EU-Austritt, vom Verstand her einen Verbleib in der EU.

Laut Umfragen gibt es eine Generationslücke zwischen den über 60-Jährigen, die den Brexit befürworten, und der eher pro-EU eingestellten jüngeren Bevölkerung. Menschen, die in den 1950ern und damit in einer Zeit relativer Stabilität aufgewachsen sind, fühlen sich heute eher ins Abseits gedrängt. Jüngere, die so ein Umfeld nie erlebt haben, fühlen sich auf ähnliche Weise entfremdet und gehen nicht zur Wahl. Die Jüngeren sind ohnehin gespalten - allein weil es viele gibt, die keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz oder eine eigene Wohnung haben und deswegen verärgert sind über die Eliten überall.

Die Parteien sind ebenfalls gespalten. Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson, in der Vergangenheit EU-freundlich, ist mittlerweile ein Brexit-Befürworter. Dafür ist Premier David Cameron, von dem man dachte, er wäre eher bei den Euroskeptikern einzuordnen, für einen Verbleib in der EU. Labour-Chef Jeremy Corbyn, der sich schon immer für die Arbeiterklasse gegen die Eliten einsetzte, muss nun die Geschichte umdrehen. Und sein Parteifreund, der neue Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, unterstützt den Premier und erntet dafür Kritik von der Basis seiner Partei. Selbst die Ukip ist durch interne persönliche Streitigkeiten entzweit.

Das Land ist gespalten, und in Wales (wo ohnehin eine Kluft besteht zwischen dem landwirtschaftlichen Norden und dem industriellen Süden) gehen die Umfragen von einem 50:50-Ergebnis aus. In Schottland führen die Grenzlinien zu einer Trennung zwischen den äußeren Inseln, die aufgebrachter auf die Eliten in Edinburgh reagieren.

Das Bindemittel, mit dem das Vereinigte Königreich bisher zusammengehalten wird, hat an Wirkung verloren. Ja, wir sind gespalten. Aber was verbindet? Sind es Werte wie Demokratie, Freiheit und der Rechtsstaat? Diese Werte teilen schließlich auch europäische Partner und andere Länder, wie Australien und Kanada. Zentripetalsymbole bleiben die BBC, die Monarchie, das Pfund und eine emotionale Verbundenheit aufgrund der Geschichte, Kultur und Sprache. Selbst die Schotten, die ihre Unabhängigkeit wollten, waren nicht gewillt, auf diese Integrationskräfte zu verzichten. Zentrifugale Tendenzen innerhalb der EU sind ebenfalls deutlicher spürbar. Aber das Bindemittel, das alles zusammenhält, ist weniger offensichtlich.