Glücksspiel am Fahrkartenautomaten: Wer geschickt kalkuliert, fährt unter Umständen billiger. Foto: Wiener Linien/Michael Unger
Glücksspiel am Fahrkartenautomaten: Wer geschickt kalkuliert, fährt unter Umständen billiger. Foto: Wiener Linien/Michael Unger

Ab 6. Juli gilt im Verkehrsverbund Ost-Region (VOR) ein neues Tarifsystem ohne Zonenunterteilung. Die in den vergangenen Jahren mehrmals verschobene Zusammenlegung des bisherigen VOR mit dem VVNB (Verkehrsverbund Niederösterreich-Burgenland) soll dann Realität werden. Der neue VOR-Tarif erscheint auf den ersten Blick einfacher, weil man sich nie um Zonen kümmern muss, sondern nur Abfahrtsort und Ziel anzugeben braucht (das war allerdings beim Kauf von Einzelfahrkarten am Schalter oder Fahrkartenautomaten bisher auch schon so). Bei genauem Hinsehen werden allerdings jede Menge Tücken und Fallen erkennbar.

Die Kernzone Wien ist künftig tarifmäßig völlig entkoppelt und von der Tarifreform nur indirekt betroffen. Das ist wegen der Verschiedenheit von Millionenstadt und Region begrüßenswert, birgt aber Gefahren. Der generelle Wegfall der Überlappungsbereiche bedeutet, dass künftig auch für kurze Strecken in die Kernzone hinein immer extra bezahlt werden muss. Bei Zeitkarten (Wochen-, Monats-, Jahreskarten) gibt es jedoch einen ermäßigten Kernzonentarif, falls nur Bahn oder Regionalbusse innerhalb der Kernzone benützt werden.

Gleiche Streckenlänge, völlig andere Tarife


Bei der Preisgestaltung wurde offenbar danach getrachtet, die Preise für Strecken bis zur Kernzonengrenze gleich oder niedriger zu halten. Teurer wird es für all jene, die bisher von den Überlappungsbereichen profitierten. Dank preislicher Zwischenstufen (1,70, 3,30, 5,50 Euro usw.) werden manche Strecken billiger, zum Beispiel kostet die Strecke Wien Liesing - Baden (16 km) künftig 3,30 statt 4,40 Euro, während Wien Liesing - Wiener Neustadt (39 km) mit 8,80 Euro preislich gleich bleibt.

Manche Strecken im Außenbereich werden jedoch empfindlich teurer. Die Einzelfahrt Felixdorf - Gumpoldskirchen (19 km) kostet künftig 5,50 statt bisher 2,20 Euro, während Bad Vöslau - Wien Liesing (20 km) weiterhin nur 4,40 Euro kostet. Auf der Strecke Kottingbrunn - Gumpoldskirchen (11 km) verdoppelt sich der Preis auf 4,40 Euro, während sich Gumpoldskirchen - Wien Liesing (11 km) von 4,40 auf 2,20 Euro verbilligt; der Preis für Wiener Neustadt - Sollenau (10 km) erhöht sich von 2,20 auf 3,30 Euro. Entsprechend den Einzelfahrtspreisen wirken sich die Preisänderungen bei Zeitkarten aus.

Kauft man das Ticket online im ÖBB-Ticketshop oder mit der ÖBB-Ticket-App, erhält man ein Ticket zum ÖBB-Kilometertarif, womit die Einzelfahrt in vielen Fällen billiger wird (gilt allerdings nur auf der Bahn, dafür gleicher Preis für alle Wiener Bahnhaltestellen). Zum Beispiel kostet Pfaffstätten - Wien Floridsdorf damit nur 3,50 statt 5,50 Euro.

Der absolut höchste Preis für eine Strecke ist offenbar 34,60 Euro (Einzelfahrt) / 88 Euro (Wochenkarte) / 250 Euro (Monatskarte) - jeweils ohne Kernzone. Das betrifft zum Beispiel die Strecke Gmünd - Güssing; und egal, welche weit entfernten Zwischenziele man hinzufügt: Der Preis bleibt gleich, auch mit den beiden zusätzlichen Zwischenzielen Semmering und Bernhardsthal.

Für Inhaber einer VorteilsCard Senior gibt es künftig (wie schon im VVNB) einen Seniorentarif. Einzelfahrten mit Umstiegen von Bahn auf Bus werden dadurch generell billiger.

Zeitkarten: Strecke mit Umgebungsnetz(en)


Einzelfahrscheine gelten wie bisher nur für die angegebene Strecke. Wochen-, Monats- und Jahreskarten gelten auch in einem "persönlichen Netz" entlang der gewählten Strecke (Ersatz für die Zonen). Mit maximal zwei Zwischenzielen, die aber nicht auf der Strecke liegen müssen, kann das "persönliche Netz" preisgünstig erweitert werden.

Dieses "persönliche Netz" kann man aber nur am Computer oder Smartphone ablesen, denn einen gedruckten Plan mit fixen Zonen gibt es ja nicht mehr. Wer weder Computer noch Smartphone hat oder im Umgang damit nicht sehr versiert ist, weiß nicht, welches Netz ihm zur Verfügung steht.

Ein großes Plus ist, dass Stadtverkehre (Amstetten, St. Pölten, Wiener Neustadt und andere), die auf der Strecke liegen, bei Zeitkarten künftig immer inkludiert sind. Die ominösen 365 Euro für Jahreskarten sind die Preisuntergrenze, allerdings auch für Mininetze wie Perchtoldsdorf oder Klosterneuburg. Jahreskarten ausschließlich für Stadtverkehre werden dadurch zwar in Amstetten, Hollabrunn, Krems, St. Pölten und Wiener Neustadt minimal billiger (um 3 bis 13 Euro), in Zwettl aber um 115 Euro teurer. Generell gibt es bei Jahreskarten für Außenbereich plus Kernzone einen Rabatt gegenüber dem zehnfachen Monatskartenpreis, womit die Kernzone dann effektiv nur 248 Euro kostet.

Gravierende Unstimmigkeiten


Die derzeitige Umsetzung weist eine Reihe von gravierenden Unstimmigkeiten auf. So liefert die Eingabe zweier Zwischenziele in umgekehrter Reihenfolge in vielen Fällen dasselbe Netz zu unterschiedlichen Preisen. In manchen Fällen ergibt die Eingabe eines Zwischenziels einen unplausibel hohen Preis, während in anderen Fällen die Netzerweiterung sogar zu einer Verbilligung führt! Für die Strecke Wiener Neustadt - Wien gibt es fünf Varianten (abhängig von der gewählten Haltestelle an der Kernzonengrenze), die alle gleich viel kosten, aber unterschiedlich große persönliche Netze bieten; nur ein einziges Netz umfasst alle anderen.