Simon Day ist Kommunikationsleiter bei World Vision. Der Neuseeländer arbeitete als Journalist in Europa, Asien und im Nahen Osten. Vor rund einem Monat hat er den Südsudan besucht. Foto: World Vision
Simon Day ist Kommunikationsleiter bei World Vision. Der Neuseeländer arbeitete als Journalist in Europa, Asien und im Nahen Osten. Vor rund einem Monat hat er den Südsudan besucht. Foto: World Vision

Ich werde den Moment nie vergessen, als ich das erste Mal einen Kindersoldaten sah. Er war vermutlich keine 16 Jahre alt, eine AK-47 hing über seine Schulter. Ich wollte ihn anschauen, dieses junge Gesicht, das so sinnbildlich ist für die grausamen Statistiken des Südsudan. Eine Realität, die ich nur sehr schwer begreifen kann. Aber ich war zu eingeschüchtert, um ihm in die Augen zu schauen.

Er verkaufte Zigaretten am Straßenrand zwischen den Dörfern Wau Shilluk und Kodok. Als wir an ihm vorbeifuhren, schrie er unserem Auto nach. Ich hingegen blickte auf den Boden. In diesem Augenblick fühlte ich mich sehr weit weg von Zuhause.

Im Juli jährte sich der Unabhängigkeitstag im Südsudan zum fünften Mal. Doch es gab keinen Grund zum Feiern. Auch die südsudanesische Regierung sagte alle offiziellen Gedenkveranstaltungen ab. Eine Welle der Gewalt überrollt derzeit erneut das Land. Aber so verzweifelt die Lage gerade auch scheint: Bei meinem Besuch im Südsudan vor ein paar Wochen waren es die Kinder, die mich auf eine bessere Zukunft für das jüngste Land der Welt hoffen lassen.

Die Kinder in den Zivilschutzcamps und in den abgelegenen Dörfern haben mich schwer beeindruckt.
Sie haben so wenig - und doch finden sie Freude auch an kleinen Dingen. Sie wünschen sich Bildung und wollen unbedingt, dass ihr Land es aus der Krise schafft. Beinahe jede dritte Schule im Südsudan wurde entweder beschädigt, zerstört, besetzt oder geschlossen. Mehr als 350.000 Kinder haben überhaupt keinen Zugang mehr zu Bildung.
Am meisten sehnen sie sich aber nach Frieden.

In einem Zivilschutzcamp in Juba traf ich bei der Nahrungsmittelausgabe den 16-Jährigen John. Gemeinsam mit seiner Mutter holt er regelmäßig die Rationen ab, die von World Vision und dem World Food Programme ausgegeben werden. John liebt Fußball. Aber seit er im Jahr 2013 fliehen musste, hat der passionierte Mittelfeldspieler nur noch wenige Möglichkeiten zum Spielen. Er lebt gemeinsam mit 30.000 anderen Menschen in diesem Camp, dem einzigen Platz, an dem er sich vor ethnischer Gewalt sicher fühlt. Seit drei Jahren hat er diesen Ort nicht verlassen.

Auch John wünscht sich nichts sehnlicher als Frieden und ein Leben außerhalb des von Stacheldraht umgebenen Camps. Bis dahin behält er sein mutiges Lächeln und ist dankbar dafür, dass er seine Familie bei sich hat. Und er ist dankbar dafür, dass er selbst noch am Leben ist.

David, ein anderer 16-Jähriger, erzählte mir mit leerem Blick, was er erlebt und gesehen hatte. Er berichtete von Kannibalismus und dem Mord an einer schwangeren Frau, der der Bauch aufgeschlitzt wurde. Kinder im Südsudan haben Dinge gesehen, die auf ewig Narben hinterlassen werden. Schätzungen zufolge leiden mehr als eine Million Kinder unter psychologischen Belastungen.

Die Kinder im Südsudan haben ein schweres Schicksal - und doch gibt es die Möglichkeit, den Gewaltkreislauf zu unterbrechen. Aber es muss bald geschehen, bevor das Potenzial und die Unschuld dieser Kinder an die Welt des Krieges verloren gehen.