Christian Ortner.
Christian Ortner.

Auch wenn der Herausgeber einer Gratiszeitung, nach der die gleichnamige Republik benannt ist, die Globalisierung kürzlich einen "Irrsinn" nannte: Dass Wohlstand und Reichtum steigen, wenn Länder das produzieren, was sie am besten können, und viel Handel miteinander treiben, anstatt sich voneinander abzuschotten, bewies ein gewisser Adam Smith schon vor fast 300 Jahren. Kaum einen anderen ökonomischen Lehrsatz hat die Realität so beeindruckend bestätigt wie diesen. Und so wurde der vermeintliche "Irrsinn" zum bedeutendsten Wohlstandsgenerator der Epoche seit dem Zweiten Weltkrieg. So weit, so klar.

Doch trotz dieser Erkenntnis kommen Globalisierung und Freihandel zunehmend unter politischen Druck und drohen teils sogar regelrecht abgewickelt zu werden. Der Zeitgeist weht ihnen kräftig entgegen, nicht nur im Wiener Boulevard, sondern in ganz Europa wie in den USA.

In Österreich etwa zeigte das der törichte Konflikt um das EU-Freihandelsabkommen mit Kanada (Ceta) sehr deutlich. Denn hinter den mehr oder weniger sachlich vorgetragenen Argumenten ist eine Abneigung gegen noch mehr Globalisierung, Konkurrenz von außen und eine diffuse Art von ökonomischem Kontrollverlust spürbar. Gleichzeitig entsteht die Illusion, durch Abschottung Wohlstand verteidigen zu können. (Wobei nicht ohne feine Ironie ist, dass jene, die Grenzen gegen Migranten abschaffen wollen - "No borders!" -, meist die Gleichen sind, die gegen Globalisierung, TTIP und Ceta demonstrieren.)

Für die ohnehin wenig rosigen Zukunftsaussichten sind das keine günstigen Nachrichten. Denn was sich die Globalisierungszitterer wünschen, ist leider schon im Gange: Der globale Handel verliert an Bedeutung. "Zwischen dem Ende des Kalten Krieges 1990 und der Finanzmarktkrise 2008 betrug das durchschnittliche jährliche reale Welthandelswachstum 6 Prozent, die Weltproduktion legte im Schnitt um rund 3 Prozent zu. Der Welthandel wuchs also doppelt so stark wie die Weltproduktion. (. . .) Von 2012 bis 2015 wuchsen Welthandel und Weltproduktion praktisch im Gleichklang um je 2,3 Prozent. Im laufenden Jahr dürfte das reale Wachstum des Welthandels mit 1,7 Prozent sogar geringer ausfallen als das der Weltproduktion mit 2,2 Prozent. Dies ist eine Zäsur", so der deutsche Ökonom Thomas Straubhaar. "Dass der Welthandel langsamer wächst als die Weltproduktion, gab es in ‚normalen‘ Zeiten in den vergangenen 35 Jahren nie - nur während der Ölkrise Anfang der 1980er, nach den Terroranschlägen 2001 und bei der Finanzmarktkrise 2009."

Und diese negative Entwicklung könnte noch deutlich an Tempo zulegen. In den USA macht Donald Trump Protektionismus, Abschottung und eine "Kauft nicht beim Ausländer"-Mentalität populär, in Frankreich hat Marine Le Pen mit der Forderung nach Handelsschranken auch gegenüber anderen EU-Staaten Erfolg, und der Brexit könnte eine Zollschranke zwischen der EU und Europas zweitgrößter Volkswirtschaft bringen.

Wird das alles Realität, wird der Wohlstand drastisch sinken, werden Löhne, Pensionen und Familieneinkommen geringer. Bedanken können sich die Betroffenen dann bei jenen, die heute in der Pose der moralischen Überlegenheit gegen Globalisierung und Freihandel angehen.