Christian Ortner.
Christian Ortner.

Wann immer Islamisten irgendwo in Europa unschuldige Zivilisten und damit meist auch sich selbst vom Leben zum Tode befördern, wie erst jüngst in London, suchen Medien und Politiker nach den Ursachen für solche uns letztlich irgendwie unbegreiflich erscheinende Taten.

Mit verlässlicher Regelmäßigkeit wird dabei immer wieder auf mangelnde Integration, soziale Ausgrenzung, Bildungsferne, fehlende Jobs und ähnliche Faktoren verwiesen, die angeblich zu einer Radikalisierung und in letzter Konsequenz eben manchmal terroristischen Akten führen würden.

Terrorismus wird so zu einer Folge von Politikversagen in der westlichen Welt; der Terrorist wird also bis zu einem gewissen Grad nicht nur Täter, sondern auch Opfer, nämlich der Umstände, unter denen er lebt.

Eine Erklärung, die den Vorteil hat, die Rolle der Religion Islam beim Entstehen von Terror ausblenden zu können und sich damit höchst unerquickliche Diskussionen auf dünnem Eis zu ersparen. Mit dem Nachteil freilich, dass es eine Erklärung ist, die nicht viel taugt. Denn eine große Zahl islamistischer Terroristen, vom saudischen Millionärssohn Osama bin Laden abwärts, radikalisierten sich trotz ihres Lebens in einem wohlhabenden, bildungsnahen und gut integrierten Milieu. Das kann’s also nicht sein.

Wie wenig die These von den sozialen Ursachen des Terrorismus taugt, belegt nun eine brandneue Studie des staatlichen französischen Centre national de la recherche scientifique unter 7000 Jugendlichen, die in den berüchtigten Problemvierteln leben, wo der Islamismus gut gedeiht.

Die Soziologen Anne Muxel und Olivier Galland wollen die politische und religiöse Radikalisierung französischer Jugendlicher verstehen. Und sie kommen zu einem bemerkenswerten Schluss: Nicht die Umwelt, soziale Probleme oder Diskriminierung stehen am Anfang des Radikalisierungsprozesses, sondern Erziehung, Familie - und der Einfluss der Religion. Muxel zeigte sich in einem Interview "erstaunt von der Bedeutung der religiösen Sozialisierung im Familienkreis". Die in nicht eben wenigen Fällen in Radikalisierung mündet: 20 Prozent der muslimischen Gymnasiasten glauben demnach,
es sei manchmal legitim, für ihre Religion zu kämpfen. 33 Prozent der muslimischen Befragten akzeptieren Gewalt als möglichen Teil eines Lebensentwurfes, fast genauso viele zeigen ein absolutistisches Religionsverhältnis und stellen etwa den Glauben über die Wissenschaft.

Mit vermeintlich schlechten Lebenschancen scheint das eher nichts zu tun zu haben. Die befragten muslimischen Jugendlichen in den Problemzonen Frankreichs schätzten ihre Möglichkeiten, sich angemessen zu entfalten, praktisch gleich gut ein wie ihre nicht-muslimischen Altersgenossen. Deshalb meint Studienautor Galland auch, dass "eine rein ökonomische Erklärung nicht stichhaltig erscheint". Wohl auch deswegen, weil ja bekanntlich auch viele andere soziale Gruppen in irgendeiner Form benachteiligt sind, ohne eine auch nur annähernd vergleichbare Neigung zur Radikalisierung aufzuweisen.

Die Studie, kommentierte die angesehene französische Tageszeitung "Le Monde", sei geeignet, "die Büchse der Pandora" zu öffnen. Die Büchse geschlossen zu lassen ist nur leider auch keine Lösung.