Theodore Zeldin, Historiker an der Universität Oxford, äußerte sich jüngst im Interview mit der "Wiener Zeitung" sehr kritisch zu Achtsamkeit und Meditation. Achtsam zu sein sei ein Tranquilizer und zu meditieren bedeute, sich vor der Welt und ihren unerwünschten Effekten zu verstecken, so der Tenor des britischen Geschichtsgelehrten und Autors. Die Meinung von Professor Zeldin ist selbstverständlich zu respektieren. Da seine sehr persönliche Vorstellung aber wenig mit dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis zu tun hat, möchten wir einige hinlänglich beforschte und belegte Fakten anführen.

Achtsamkeit ist nicht, wie Zeldin behauptet, ein grundsätzlicher Rückzug von der Welt. Sie beruht vielmehr im Wesentlichen auf entspannter Aufmerksamkeit, die sich auf den gegenwärtigen Moment richtet und nicht wertet. Sie ist also das genaue Gegenteil asozialen Verhaltens, da sie ihre Aufmerksamkeit dezidiert auf das Gegenüber richtet. Darauf nämlich, der oder dem Anderen aufmerksam zuzuhören und sich zu bemühen zu verstehen - ohne zu (be)werten oder zu (ver)urteilen. Diese wohlwollende Form der Aufmerksamkeit kann jede und jeder im täglichen Leben praktizieren, doch bedarf es dazu eines gewissen Trainings - etwa in Form meditativer Übungen. Die "Vita Contemplativa" und die "Vita Activa" gehören seit je zusammen. Erstere ist Vorbereitung und Bedingung für die andere. Übung und Bewährung sind als Einheit zu verstehen und mitnichten Rückzug und Versteckspiel. Und schon gar kein Tranquilizer oder Beruhigungsmittel.

Achtsamkeit ist Interaktion


Theodore Zeldin unterstellt der Achtsamkeit Idiotie im altgriechischen Sinn, nämlich den Rückzug ins Private. Auch hier geht der Professor fehl. Denn gerade aktuelle wissenschaftliche Arbeiten thematisieren die sozialen und politischen Bezüge von Achtsamkeit, sei es in den Themenfeldern achtsamer Pädagogik oder von Achtsamkeit als notwendigem Element von Demokratie. Darüber hinaus hat Achtsamkeit wie erwähnt per se eine stark interpersonale Komponente in den Formen von "Mindful Dialogue" und "Mindful Listening". Und die jüngste Diskussion um Mitgefühl als Teilaspekt von Achtsamkeit hat gezeigt, dass Empathie und soziales Engagement als notwendige Elemente von Achtsamkeit deren kognitive Komponenten ausbalancieren.

"Anstatt auf sich selbst neugierig zu sein, sollte man neugierig auf andere Menschen sein", doziert Zeldin. Als Befürworter der Achtsamkeit unterstützen wir diese Aufforderung zum sozialen Austausch und legen nahe, einen Blick auf die Anderen zu wagen. Um sich mit der Achtsamkeitspraxis vertraut zu machen, müsste er nicht einmal weit reisen. Denn an der Universität, an der er Geschichte lehrt, befindet sich die größte europäische Forschungseinrichtung zu Achtsamkeit - das Oxford Mindfulness Center, neben dem Max Planck Institut in Leipzig die erste Adresse zum Thema in Europa. Denn, wie sagt Zeldin völlig richtig: "Man findet neue Lösungen nur, indem man mit anderen Menschen spricht."

Zu den Autoren

Herbert Hirner ist Kommunikationsfachmann im Bereich Wissensvermittlung und hat den Verein "UrbanCare - Initiative zur Förderung der Achtsamkeit" mitgegründet.

Nicoleta Pfeffer-Barbela leitet das "citySTILLE - Mindfulness Center Vienna".

Karlheinz Valtl ist am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien tätig, veranstaltet das Wiener Symposium "Pädagogik der Achtsamkeit" und ist Sprecher des Netzwerks "Achtsamkeit in der Pädagogik".