Adrian Lobe hat Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen, Paris und Heidelberg studiert und ist freier Journalist.
Adrian Lobe hat Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen, Paris und Heidelberg studiert und ist freier Journalist.

Die weltweite Attacke durch den Computerwurm "WannaCry", der gut 200.000 Rechner in 150 Ländern infiziert und ganze Informationssysteme in Krankenhäusern lahmgelegt hat, kann auch als eine Geschichte von Wissensasymmetrien und Wissensverlust gedeutet werden. Den Hackern war gelungen, an das Wissen der NSA über unbekannte Sicherheitslücken in Windows zu gelangen und diese Informationen für ihre Attacke zu nutzen. Von der Cyberattacke waren auch zahlreiche Bildungseinrichtungen wie Universitäten, Forschungszentren und Schulen betroffen. Yang Lin, Studentin an der Zhejiang University of Media and Communications in China, stellte gerade ihre Abschlussarbeit fertig und schloss das Word-Dokument, als plötzlich ihr Bildschirm schwarz wurde und eine Nachricht der Hacker aufpoppte: "Zahle Lösegeld oder deine Daten werden gelöscht!" Dabei war sie mit dem Universitätsnetzwerk verbunden und hatte keinen einzigen Link geöffnet. Lin zahlte schließlich, sonst wäre ihre wissenschaftliche Arbeit verloren gewesen.

Es sind bisher keine Fälle größeren Datenverlusts bekannt, doch man stelle sich vor, eine Schadsoftware infizierte einen Unirechner und zerstörte mehrere Ordner samt Back-ups. Das Wissen wäre unwiederbringlich verloren. Dass dies kein Science-Fiction-Szenario ist, beweisen einige Beispiele aus der Vergangenheit. Die University of Calgary etwa bezahlte im vergangenen Jahr unbekannten Hackern bei einer Ransomware-Attacke 20.000 kanadische Dollar Lösegeld, um gesperrte Forschungsdaten wieder freizuschalten. Unter anderem hatten die Hacker verschlüsselte Kopien von Dropbox-Ordnern erstellt und die Originale gelöscht. Die britische Bournemouth University wurde allein zwischen August 2015 und August 2016 insgesamt 21 Mal Opfer von Ransomware-Attacken. Die Wissenschaft ist im Klammergriff der Cyberkriminalität. Forschen kann nur, wer Lösegeld zahlt.

Das digitale Zeitalter markiert nicht das Ende des Buchs und schon gar nicht das Ende der Kultur, genauso wenig wie die Ablöse alter durch neue Speichermedien das Wissen auslöscht. Die Digitalisierung, und darin liegt ihre Ambivalenz, hat das Wissen einerseits demokratisiert und jedem zugänglich, andererseits aber auch höchst verwundbar gemacht. Mit einem Klick sind Informationen überschrieben. Ein Computervirus, der vielleicht nicht nur die Abschlussarbeit eines Studenten, sondern ganze Wissensbestände löscht, hat die Qualität eines Flammeninfernos, das eine Bibliothek heimsucht. Bei einem Bibliotheksbrand können vielleicht noch einzelne Exemplare gerettet werden - löscht eine Schadsoftware stündlich Dateien, bis gezahlt wird, ist alle Information verloren. An diese Eventualität eines unkontrollierten Wissensverlusts ist bei der ganzen Cybersicherheitsdebatte noch kaum nachgedacht worden.

Es mag alarmistisch klingen, doch eine konzertierte Attacke auf Bildungseinrichtungen würde unseren Wissenskorpus implodieren lassen. Es ist an der Zeit, diese Gefahren aus dem Netz und auch die kulturelle Verachtung, die aus solch destruktiven Hackerangriffen spricht, ernst zu nehmen. Auch Wissen muss geschützt werden.