Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny

Emmanuel Macrons unglaublicher Wahlerfolg und das desaströse Abschneiden der französischen Sozialdemokraten sind wie Spiegelbilder. Denn Macron hat eine wesentliche, vielleicht die wesentliche Verschiebung im Bereich des Politischen verstanden. Er hat das verstanden, was die Sozialdemokratie nicht verstanden hat - und vielleicht ob ihrer historischen Form, die heute ihr Ballast ist, auch nicht verstehen konnte: Die soziale Frage kann heute nicht mehr in der alten Art und Weise gestellt werden.

Die alte Art war, die Menschen als Klasse, als Gruppe anzusprechen. Dies war nicht nur der Inhalt alter Sozialpolitik: das Klasseninteresse. Es war auch deren Form: die Partei als Gruppenrepräsentant. Nun trifft sich aber ebendies nicht mehr mit den politischen Bedürfnissen heutiger Bürger. Nicht, weil es keine Sozialprobleme mehr gäbe. Aber das, was die Menschen heute politisch bewegt, berührt, antreibt, ist ein Hunger nach Partizipation.

Partizipation hat dabei eine sehr genaue Bedeutung: Es ist der Wunsch, gehört zu werden, gemeint zu sein, vorzukommen. Ein anderes Wort dafür ist Anerkennung. Das Besondere daran ist: Heute wollen die Leute als Einzelne anerkannt werden. Das entspricht ja auch ihrer Lebensform. Wir alle müssen unser Leben als Einzelne meistern. So möchten wir auch im Politischen als Einzelne anerkannt werden. Und nicht als Teil einer Gruppe. Nicht als Frau, Parteigenosse, Kammermitglied, sondern als jeweils Einzelner. Das mag verrückt sein in einer Massendemokratie, aber es scheint das grundlegende politische Bedürfnis der Gegenwart zu sein.

Das ist es, was Politik heute leisten muss: Sie muss die Menschen als Einzelne erreichen. Und es ist genau das, was Macron verstanden, aufgegriffen und umgesetzt hat. Es ist der Kern seines Erfolgs.

Macrons Bewegung - das waren nicht nur Großauftritte des Stars, sondern auch wesentlich kleine Treffen überall im Land. Bürgerversammlungen im wahrsten Sinne: Das Zusammentreffen von Bürgern - nicht, um der Rede eines Tribuns zu folgen, sondern um die Leute vor Ort zu Wort kommen zu lassen. Es sind also Orte, wo die Einzelnen vorkommen können - eine Art von Orten, die in klassischen Parteien in der Art nicht vorgesehen sind.

Anders als in Bezirksgruppen oder Parteisektionen treffen sich da nicht Parteigenossen, um sich als Gleiche zu bestätigen. Hier treffen sich vielmehr ganz verschiedene Einzelne. Hier können die Leute vorkommen - mit ihren Lebensgeschichten, mit ihren Problemen. Ohne in Kategorien, Gruppen, Identitätsenklaven eingesperrt zu werden. Sie müssen sich nicht verändern, sie müssen nicht Gleiche werden. Denn es sind Foren, die keine Gruppenidentität vorgeben. Was die Leute vereint, ist nur der Wille, ihre Probleme zu lösen. Gemeinsam. Ensemble. Das entfacht Begeisterung - jene magische Ressource nach der heute alle in der Politik suchen.

Die Rechten sind die, die heute die stärkste Gruppenidentität im Angebot haben - die nationale. Macron präsentiert keine andere Gruppenidentität. Sein Gegenmodell ist es vielmehr, den Einzelnen in der Massengesellschaft vorkommen zu lassen. Das klingt blauäugig? Mag sein. Aber es funktioniert.