Max Haller ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Graz und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zuletzt veröffentlichte er die Bücher "Ethnic Stratification and Economic Inequality around the World (2015) und "Ethnische Differenzierung und soziale Schichtung in Südtirol" (herausgegeben gemeinsam mit Hermann Atz und Günther Pallaver). Er lebt in Wien und Graz. Foto: privat
Max Haller ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Graz und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zuletzt veröffentlichte er die Bücher "Ethnic Stratification and Economic Inequality around the World (2015) und "Ethnische Differenzierung und soziale Schichtung in Südtirol" (herausgegeben gemeinsam mit Hermann Atz und Günther Pallaver). Er lebt in Wien und Graz. Foto: privat

Nur selten konnte man die - von Politologen häufig bestrittene - These so klar bestätigt sehen wie bei dieser Nationalratswahl: Politische Persönlichkeiten sind einer der wichtigsten wahlentscheidenden Faktoren. Eine erfolgreiche politische Persönlichkeit hat laut Max Weber Charisma, also "außeralltägliche, nicht jedem zugängliche Kräfte oder Eigenschaften" - ob diese von irgendeinem anderen Standpunkt aus als richtig oder gut zu bewerten sind, ist völlig gleichgültig; Hauptsache, die Anhänger glauben daran. Es sind also nicht nur die eigenen Merkmale und Verhaltensweisen, die bestimmte Persönlichkeiten zu Wahlsiegern machen, sondern auch ihre Anhänger müssen sie als potenzielle Sieger sehen.

Welche Merkmale zeichnen eine solche Persönlichkeit aus? Hier kann man ein gutes, möglichst jugendliches Aussehen nennen; rhetorische Begabung; vertrauensbildendes Verhalten; Führungsstärke. All diese Eigenschaften scheint der ÖVP-Chef zu besitzen: ausgewogene, staatsmännisch vorgetragene Äußerungen; akribisch gepflegtes, modisch gestyltes Outfit; exzellente Rhetorik; Führungsstärke. Letzteres Merkmal schien besonders evident: Sebastian Kurz verlangte - und erreichte - nicht nur weitgehende Macht in der Partei; auf seinem Programm steht auch, dass der Bundeskanzler mehr Einfluss bekommen solle. Zu viel Führungsstärke zu zeigen, könnte allerdings - auf jeden Fall bei jenen rund 80 Prozent der Österreicher, die ihn nicht gewählt haben (die Nichtwähler muss man hier auch einschließen) - weniger gut ankommen. So ist bezeichnend, dass Kurz seit seinem großen Wahlerfolg nicht mehr in der Ich-, sondern nur noch in der Wir-Form spricht, wenn es um die Umsetzung seiner Ziele geht.

Webers Begriff des Charismas erklärt auch vollkommen den phänomenalen Aufstieg des politischen Jungstars Kurz: Seit Jahren tourte er ja schon als Wahlkämpfer durch Österreich, immer mehr bestärkt durch den enthusiastischen Zuspruch tausender Anhänger und Fans. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Stuhlbeine seines Vorgängers Reinhold Mitterlehner an- und schließlich abgesägt wurden.

Die Idee der charismatischen Persönlichkeit trifft ebenso auf die drei weiteren Spitzenkandidaten, die nicht unbedingt als große Sieger, aber doch gestärkt aus dieser Wahl hervorgegangen sind. Man mag HC Strache die intellektuelle Geschliffenheit und politische Bauernschläue Jörg Haiders absprechen; was ihm nicht zu nehmen ist, ist eine unumstrittene Stellung als "Führer" seiner Partei.