Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny

Jede politische Richtung hat auch eine Kultur. Sie entwirft also einen eigenen Subjekt-Typus. Das grüne Subjekt ist das autonome, vernünftige, ethische Subjekt. Kurzum - das, was man früher einmal das bürgerliche Subjekt genannt hat. Der Theoretiker Ingolfur Blühdorn hat schon vor Jahren die originelle These aufgestellt, dass die Umweltschutzbewegung - in ihren Anfängen in den 70er Jahren - unausgesprochen eine Art zweite bürgerliche Revolution vollzogen hätte. Sie hätten erfolgreich den brachliegenden Bürger, den selbstbewussten, autonomen Citoyen erneuert. Sie hätten also das verkümmerte bürgerliche Ideal revitalisiert.

Dieser grüne Subjekt-Typus war als Antwort auf den Ausgangspunkt der grünen Erzählung angelegt - auf die Klimakatastrophe, verstanden nicht als einfache Bedrohung, sondern als Apokalypse, als Weltuntergang. In der Theologie gibt es die Figur des Aufhalters. Das ist jener, dem es gelingt, den drohenden Weltuntergang zu verzögern, eben aufzuhalten. Im grünen Narrativ sind wir alle dazu aufgerufen, am Aufhalten der ökologischen Katastrophe teilzunehmen. Wir alle sind befähigt, dieses Ende abzuwenden. Wir alle können uns dagegen stemmen: Mülltrennung gegen die Apokalypse. Das war das grüne Angebot.

Von der Größe der Aufgabe leitete sich auch der Ernst der Umweltschützer ab: Das grüne Subjekt ist einer Verantwortungsethik verpflichtet. Positiv wirkte sich das in jenen Vorzügen aus, die man im Parlament jetzt schmerzlich vermissen wird: ihre fachliche Kompetenz, ihre sachliche Opposition, ihre Inhaltsbezogenheit. Negativ aber rührte daher genau das, was in der öffentlichen grünen Selbstkritik (auch das übrigens eine absolut stimmige Praxis dieses Subjekt-Typs) jetzt immer wiederholt wird: der Nimbus der Verbotspartei, der Hang zur Überregulierung, der erhobene Zeigefinger.

Das ist kein Exzess, keine Fehlentwicklung, sondern Teil der grünen DNA, die sich ja aus ihrer Verpflichtung auf kategorische Imperative des Verzichts, des Maßhaltens speist.

Kurzum - man muss also sehen, dass die Fortschrittlichkeit der Umweltbewegung eine Modernisierung des bürgerlichen Subjekts auf den Weg gebracht hatte. Keine kleine Leistung. Man muss aber auch sehen: Heute ist dieser Typus überholt.

Wie bei allen apokalyptischen Erzählungen so sind auch die Grünen gezwungen gewesen, sich mit dem Weiterleben zu arrangieren. So kam es zu jenen Kompromissen zwischen den utopischen Maximalforderungen und dem Einrichten in der Lebenswelt. Heraus kam die paradoxe Verbindung von ökologisch und urban, von Verzicht und grünem Genießen, von ernsthafter Ethik und moralischer Überheblichkeit.

Der linke Strang ihrer Herkunft aber war die partizipative Revolution - also die Vorstellung einer grundlegenden Demokratisierung. Sie lebte in der Basisdemokratie weiter - die sich aus einer fortschrittlichen Praxis in einen Fetisch verwandelt hatte, um jedes Herausragen zu verhindern. Ebenso verhält es sich mit dem Hochhalten der Menschenrechte: Aus einem emanzipatorischen Behaupten kippte dieses schließlich in eine unpolitische Moral. Politik ohne Moral ist zwar leer. Aber Moral ohne Politik büßt ihre Handlungsfähigkeit ein.