Am 31. Oktober 1517 schlug der Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen zum Ablass an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg. Auf den Tag genau 500 Jahre später hat der britische Kolumnist und Buchautor John Naughton nun seine 95 Thesen zur Technologie ins Netz gestellt (www.95theses.co.uk) - nicht mit Hammer und Feder, sondern mit Bytes und Bits. "Eine neue Macht ist in der Welt entfesselt", schreibt der wortgewaltige Technologiekritiker in seiner auch im "Guardian" publizierten Einführung. "Sie ist nirgends und überall. Sie weiß alles über uns - unsere Bewegungen, Gedanken, Wünsche, Ängste, Geheimnisse, wer unsere Freunde sind, was unser finanzieller Status ist, sogar wie gut wir in der Nacht schlafen. Wir sind alle Mitglieder der Kirche von Technopolis, und was wir anbeten, ist digitale Technologie." Wie einst der Reformator hat auch Naughton 95 kontroverse Thesen formuliert, die auf einer weiteren Seite näher erläutert werden. Zum Beispiel These 15: "Ihr Smartphone ist eine Slotmaschine in Ihrer Tasche." Oder These 19: "Das Technische ist politisch."

Der Analogieschluss zwischen der Katholischen Kirche im Mittelalter und der Rolle der Tech-Giganten im Informationszeitalter ist nicht neu. Der Universalhistoriker Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Buch "Homo Deus", wie durch die neue Datenreligion eine Algorithmenhörigkeit entsteht: "Indem der Dataismus die menschliche Erfahrung mit Datenmustern gleichsetzt, bringt er unsere wichtigste Quelle von Autorität und Sinn ins Wanken und kündet von einer ungeheuren Glaubensrevolution, wie wir sie seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr erlebt haben."

Algorithmen sind die neuen Autoritäten im Dataismus. Sie entscheiden, ob wir bei der Bank einen Kredit bekommen, welchen Partner wir finden und ob wir in eine Risikoklasse eingestuft werden. Was einst die Kirche war, sind die heute die Tech-Konzerne - Organisationen, die ihre "Glaubensgemeinschaft" per Programmcode regieren. Doch indem immer mehr Wertentscheidungen an Algorithmen delegiert werden, begibt sich der Bürger in eine selbstverschuldete Unmündigkeit - und wird zum digitalen Mündel. Er vertraut blind der Technik - und schaltet ob der zunehmenden Automatisierung sein eigenes Denken ab.

Die algorithmischen Prozeduren, die unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, sind eine Rückkehr zu jenen Arkanpraktiken, wie sie bereits in der mittelalterlichen Geistlichkeit verbreitet waren - und leisten einer Refeudalisierung der Gesellschaft Vorschub. Der Nutzer hat praktisch keine andere Wahl, als den Lehnsherren Google, Facebook, Amazon und Co. beim Betreten ihrer Territorien seine Daten zur Verfügung zu stellen. Im Grunde ist die Überlassung der Daten eine moderne Form des Ablasshandels: Man verkauft seine Seele, um von den Segnungen der schönen neuen Technikwelt zu profitieren.

Braucht es einen zweiten Martin Luther oder eine Reformation, um die Bigotterie der Tech-Kirche zu entlarven? Wohl nicht. Aber Bürger, die sich ihres eigenen Verstands bedienen und nicht hörig gegenüber den Tech-Aposteln und ihren seligmachenden Algorithmen sind.