Abgesehen von der politischen Operettenhaftigkeit des abgesetzten Regierungschefs Carles Puigdemont vermittelt das Ringen um Selbstständigkeit in Katalonien doch eines: die Abwendung vom Gedanken des Zentralismus. Europa hat nicht nur ein Problem mit dem Euro, sondern noch ein viel größeres mit seinen Bürgern. Sie wenden sich ab, nicht unbedingt von der Idee eines geeinten Europa, aber ganz sicher von der Bevormundungspolitik Brüssels. Psychische Erkrankungen haben auf dem alten Kontinent ein erschreckendes Ausmaß angenommen, das kann nicht Ausdruck von Wohlbefinden sein. In ihrer Not suchen die Menschen nach überschaubaren Einheiten, nach Vertrautheit und Nähe im Denken.

Es sind nicht mehr nur die historischen Wurzeln, die eine neue Überschaubarkeit befeuern, es ist die menschliche Psyche, die dem Makrodenken Brüssels hilflos ausgeliefert ist. Die normative Kraft des Euro hat die nationalen Gesellschaften erkalten lassen. Die Ökonomisierung des Denkens beruht auf der kruden Logik des Konsumieren-Müssens. Der vermeintliche Wohlstand ist ein trügerischer Schein, denn es ist schon lange nicht mehr die Nachfrage, die das Angebot bestimmt, sondern es verhält sich genau umgekehrt. Man konsumiert, um das kranke Wohlstandsdenken vor dem Kollaps zu bewahren. Auf Kosten der menschlichen Psyche. Es muss in diesem Zusammenhang nicht an den europaweiten Rechtsruck erinnert werden als Beleg für ein hilfloses Protestdenken der Bürger.

Katalonien ist zweifelsohne im Rahmen der spanischen Geschichte immer wieder mit dem Gedanken der Autonomie geködert und enttäuscht worden. Und zweifelsohne saugt der katalanische Separatismus hieraus auch politischen Honig, aber eben nicht nur. Der historische Schnitt vollzieht sich immer in der Gegenwart. Die Vergangenheit lässt sich eine Zeit lang instrumentalisieren, aber sie verliert vor dem Schatten der Zukunft an Strahlkraft. Der "-ismus" der Zukunft ist der Ökonomismus in seiner furchterregenden Herzenskälte mit seiner Entmündigung und Entmenschlichung.

Die Chance des Protests besteht in der Abwendung. Die historischen Wurzeln des Protests haben neue Nahrungsquellen gefunden. Die Abwendung ist die Voraussetzung für eine neue Zuwendung. Das ist kein Widerspruch, sondern Dialektik. In Europas Machtzentrum sollte man nicht ängstlich auf Schottland, Südtirol, Flandern, das Baskenland oder Katalonien starren, sondern die Chance, die solche Bewegungen ermöglichen, endlich begreifen. Die Idee von einem geeinten Europa beinhaltet eben auch den Faktor Mensch als ein nach Glück strebendes Wesen - und nicht nur den Euro-definierten Konsumenten, den es, nachdem er ausgedient hat, als Kostenstelle zu entsorgen gilt.

Es war der italienische Philosoph Giorgio Agamben, der in einem Interview einmal dem Sinn nach gesagt hat, die Vergangenheit sei so lange nicht tot, wie sie uns noch etwas zu sagen habe: Man kann sie neu denken oder ungelebte Element aufnehmen, um die Zukunft zu gestalten. Die Ereignisse in Katalonien sind als Chance zu verstehen.

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Alexander von der Decken

lebt als Publizist in Bremen. Er war lange Jahre außenpolitischer Redakteur beim "Weser-Kurier". privat