Vor mir ragt das hohe, schwarze Metalltor in die Dunkelheit der Nacht empor. Wie ich davor stehe, weht mir eine leichte Brise über das Haar und lässt mich kurz fröstelnd die dünne Strickjacke enger um den Körper schlingen. Ich hebe die Hand und klopfe ans monströse Metalltor, das in der Nacht ein wenig zu laut scheppert. Von der anderen Seite des Tores trägt der Wind leise Musik und viele ausgelassene Stimmen bis zu mir herüber. Ein Hund bellt. Während ich darauf warte, dass mir jemand die Tür öffnet, fällt mein Blick über die Stadt unter mir, die sich wie ein Meer aus Lichtern über die vielen kleinen Hügel wellt. Ich war zuvor ein wenig außer Atem geraten, denn der Weg nach hier oben war wirklich steil gewesen. Dennoch ist nun die Belohnung diese grandiose Aussicht. Die ruandische Hauptstadt Kigali glitzert in der Nacht wie ein Schwarm Glühwürmchen.

Ein unangenehmes Kratzen von Metall auf Stein ist zu hören, und eine kleine Tür im Tor öffnet sich. "Hereinspaziert!", ruft mir ein junger, blonder Typ entgegen, den ich nicht kenne. Ich antworte mit einem "Hallo" und ziehe den Kopf ein, als ich durch die niedrige Tür hindurch in den Hof schreite. Unsicher sehe ich mich um. Alle Türen und Fenster des Häuschens vor mir sind weit geöffnet, und vergleichen mit der Größe des Hauses sind eine Menge Leute zu sehen. Im Hof läuft gerade eine heiße Partie "Flanky-Ball" (ein Trinkspiel, Anm.) statt.

Ich bin heute über Ecken auf dieser Party gelandet. Es ist eine Art Zusammentreffen der deutschen Freiwilligen aus Kigali, um sich ein wenig auszutauschen. Oder eben einfach zu trinken und "Flanky-Ball" zu spielen. Eigentlich eine recht normale Party. Ich hatte bisher wenige der anderen deutschen Freiwilligen in Ruanda kennengelernt. Also hatte ich mir überlegt vorbeizuschauen. Doch wie ich jetzt so langsam den Hof durchquere, komme ich mir ein bisschen verloren und fehl am Platz vor.

"Mach’s dir gemütlich und nimm dir was zu trinken. Ist genug für alle da!", ruft der blonde Typ noch und wendet sich dann eifrig dem Spiel zu. Ich mache mich auf den Weg zur Veranda, um dort einen freien Platz zu ergattern. So kann ich die ganze Situation hier erst einmal gründlich begutachten und vielleicht irgendwo ein Gespräch beginnen.

Deena: "So frei bin ich nur hier - mein zweites Leben in Afrika" Benevento Verlag; 240 Seiten; 16 Euro
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Ich lasse mich in einen Korbstuhl fallen. Neben mir sitzen zwei junge Frauen in meinem Alter, die sich hitzig unterhalten und mein Ankommen überhaupt gar nicht bemerkt zu haben scheinen. Weil ich bisher niemanden hier entdeckt habe, den ich persönlich kenne, beschließe ich, eher ungewollt als gewollt, dem Gespräch der beiden zu lauschen.

". . . weißt du, es gibt einfach nichts zu tun für uns! Eigentlich ist es egal, was wir den ganzen Tag da machen. Jeder macht so seinen Job, und wir sitzen eben nur rum. Keiner weiß, für was sie uns eigentlich dort brauchen. Meistens gehe ich auch schon früh nach Hause, weil das echt gar keinen Sinn dort macht!" Die junge Frau mit den braunen, gelockten Haaren spricht mit empörter und irgendwie auch resignierter Stimme. Ihre Haut ist von der Sonne Ruandas gebräunt, und sie trägt eine lässige, luftige Hose aus Baumwolle mit Ethno-Mustern. Ich muss grinsen. Ihr Kleidungsstil ist der übliche, unverkennbare Freiwilligen-Style, dessen auch ich mich schuldig mache.