Patriarch Irinej, das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche, kritisierte die lebenslange Haft, die das UNO-Tribunal in Den Haag über den bosnisch-serbischen Ex-Militärchef Ratko Mladic für Kriegsverbrechen und Völkermord verhängt hatte: Die "Teufelstaten der weltweit Mächtigen" erweckten den Anschein, als seien die Serben allein schuldig und alle anderen unschuldig. Irinejs Kritik verrechnet Verbrechen gegen Verbrechen und entlastet damit das Gemüt der Serben - ein krasser Verstoß gegen christliche Ethik.

Clemens M. Hutter war Leiter des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".
Clemens M. Hutter war Leiter des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".

Mladic büßt für Kriegsverbrechen im Bosnien-Krieg. Er befahl 1995 die Ermordung von 8000 muslimischen Männern und Buben in Srebrenica und beging damit das schwerste Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Er belagerte ab April 1992 Sarajevo 1425 Tage lang und lenkte gezielt das Feuer speziell auf Zivilisten (fast 11.000 Tote). Nach seiner Niederlage 1995 tauchte er unter, wurde 2011 gefasst und vor das Haager Tribunal gestellt.

Das Massaker von Srebrenica offenbarte auch eine folgenschwere Unterlassung der UNO, die diese und fünf weitere bosnische Städte 1994 zu Schutzzonen erklärt hatte, um sie gegen "ethnische Säuberungen" zu schützen. Statt Kampftruppen entsandte sie bloß 450 leichtbewaffnete Blauhelme nach Srebrenica und änderte daran nichts, als der bosnisch-serbische Präsident Radovan Karadzic im März 1995 "alltäglich geplante und überlegte Kampfaktionen" anordnete, um "totale Unsicherheit, Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit auf weiteres Leben in dieser Stadt" zu erzeugen. Vier Monate später griffen Mladics Truppen an, die hoffnungslos unterlegenen Blauhelme kapitulierten, das Massaker begann. Patriarch Irinej unterschied nicht zwischen Tätern und Opfern und versuchte so, vor seinen offensichtlich sachunkundigen Gläubigen das Megaverbrechen Massenmord zu mildern.

In der Sache nicht vergleichbar, aber ethisch nicht minder anrüchig war Donald Trumps Reaktion auf schwere Zusammenstöße zwischen Rechtsradikalen und Gegendemonstranten in Charlottesville im August (1 Tote, 34 Verletzte). Er verurteilte pauschal die "ungeheure Gewalt von vielen Seiten", ohne auf entscheidende Fakten einzugehen. Tausende Rechtsextreme hatten einen Marsch veranstaltet, an dem der Ku-Klux-Klan, Neonazis und die Bewegung "Weiße Vorherrschaft" teilnahmen und Fahnen der einst sklavenhaltenden Südstaaten schwenkten. Ein Ex-Ku-Klux-Klan-Chef erklärte öffentlich, die Rechtsradikalen erfüllten "Trumps Wahlversprechen, uns unser Land zurückzugeben, dafür haben wir ihn gewählt". Er solle sich "daran zu erinnern, dass es weiße Amerikaner waren, die Ihnen die Präsidentschaft ermöglichten, nicht radikale Linke" - mit Blick auf die Gegendemonstranten.

Trumps Pauschalurteil über "Gewalt von vielen Seite" löste massive Kritik aus, auch von vier republikanischen Senatoren. Unter Druck bequemte er sich zum Rückzieher: "Rassismus ist böse, und jene, die in seinem Namen Gewalt anwenden, sind Kriminelle." Über rechtsradikalen Terrorismus verlor er ebenso keine Silbe wie darüber, dass Rechtsradikale den Protest von Antifaschisten provoziert hatten. Somit vermied er Probleme mit dem erzkonservativen Kern seiner Wähler.