Doch nicht nur die Arbeiter und Angestellten, alle Bürger mussten und müssen sich in dieser auch von den sozialdemokratischen Parteien geschaffenen Welt zurechtfinden. Sie orientierten sich um, loteten die neuen Bedingungen des Arbeitslebens und der Reste von Einflussnahme auf die gesellschaftlichen Daseinsbedingungen selbst aus, erlernten die neue Sprache, die ihnen neoliberale Thinktanks und Medien über Jahrzehnte einhämmerten. Und schließlich wurde ihnen dieses Denken so vertraut, dass sie es gleichsam wie ein Naturgesetz akzeptieren.

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung erfährt der Großteil der Bürger jedoch nun auch die Schattenseiten neoliberaler Politik am eigenen Leib: Die Gefahr von Arbeitslosigkeit steigt in diesem System nahezu für alle, die prekären Arbeitsverhältnisse nehmen zu, die staatliche Fürsorge im Sinne eines sozialen Staates wird zurückgedrängt, ein immer größerer Teil der Gesellschaft wird von Armut bedroht, während immer weniger Menschen von der erzielten Wertschöpfung profitieren. Letztere jedoch reißen die Macht über alles an sich und schaffen neue Abhängigkeiten, aus denen der Einzelne nicht mehr zu entkommen vermag.

In dieser Situation profitieren Parteien, die zur Heilung beziehungsweise Linderung der gesellschaftlichen Krankheitssymptome systemkonforme Lösungen anbieten, denn diese sind dem Bürger vertraut - und er kommt gar nicht auf die Idee, dass sie vielleicht der Grund für die Krankheit selbst sein könnten: noch mehr Wachstum, noch mehr freier Markt, noch weniger Staat, noch mehr Leistung, noch mehr Eigenverantwortung. Dahinter verbirgt sich das wahre Erfolgsgeheimnis von Parteien wie der ÖVP unter Sebastian Kurz oder den Neos. Und die FPÖ bietet auch noch eine in Krisenzeiten unter rechten Parteien bewährte, vereinfachte Lösungsstrategie für zahlreiche Probleme: Sündenböcke in Gestalt von Ausländern, Flüchtlingen, Arbeitsverweigerern und Sozialschmarotzern.

Die Menschen in die "Mitte" gedrängt


Die Sozialdemokratie hat offensichtlich den Bürgern zu wenig geboten, zu wenige Alternativen zum bestehenden System aufgezeigt, sie war zu systemkonform. Wenn sie, wie SPÖ-Chef Christian Kern meint, ihre Politik in Hinkunft auch nach der "Mitte" ausrichten will, also danach, wo "die Mehrzahl der Menschen steht", dann muss sie sich bewusst sein, dass auch sie es war, die diese Menschen in diese Mitte, in diese konkrete zuvor geschilderte Situation gedrängt hat.

Man kann sie dort abholen, ja, es wird der SPÖ auch gar nichts übrig bleiben, als sie dort aufzusuchen, aber die Partei wird, um die Bürger für ihre Ideen zu begeistern, sich endlich jener grundsätzlichen Werte besinnen müssen, welche die Sozialdemokratie geprägt haben, und das in klarer Abgrenzung zu den anderen Parteien. Und neben der pragmatischen Tagespolitik gilt es Visionen von einer zukünftigen Gesellschaft aufzuzeigen, in der es sich für jeden lohnt zu leben. Ohne Wenn und Aber.

An oberster Stelle für eine erfolgreiche sozialdemokratische Politik muss der Mensch selbst stehen, und das bedeutet, dass nicht die Wirtschaft oder die Mächtigen die Verfügungsgewalt über die Bürger haben. Beispiele für ein Wirtschaften im Sinne der Menschen und ihres Lebensraumes gibt es in unserem Land zur Genüge, man denke etwa an Heinrich Staudingers Schuhfabrik im Waldviertel. Diese Art sozialen und nachhaltigen Wirtschaftens gilt es publik zu machen, zu unterstützen, um Alternativen zum bestehenden System aufzuzeigen. Dabei werden und können intensive Kontakte zur Zivilgesellschaft genauso hilfreich sein wie in all jenen Bereichen der Arbeitswelt, wo andere Leistungsbegriffe für das Wohlergehen aller im Staat Geltung haben als im herkömmlichen Wirtschaftsgefüge.