Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Foto: Daniel Novotny

Seit #metoo stürzen mächtige Männer im Tagestakt vom Sockel - von Hollywood bis zur Met. Und zugleich erleben wir die Rückkehr der starken Männer. Sie werden gewählt - von den USA bis Österreich. Wie geht das zusammen? Geht das zusammen? Vom Film bis zum Sport, von der Politik bis hin zur bürgerlichen Kultur zeigt sich dasselbe Schema, das davor schon im Heer, in Kirche und Schule sichtbar wurde: All diese Institutionen haben neben ihrer öffentlichen noch eine "obszöne Kehrseite" (Zizek) mit geheimen Regeln und Ritualen. Dieses Doppelsystem wurde durch sakrosankte Figuren gestützt, denen außerordentliche Fähigkeiten zugesprochen wurden. Der Missbrauch erfolgte durch jene, die zugleich das ehrenwerte Gesicht der Institution waren. Das war die Welt von gestern. Doch die Zeit dieser Figuren scheint abgelaufen zu sein (sonst würden die Stimme der Opfer nicht gehört). Der Hashtag zum Fall Levine bringt es auf den Punkt: #GeniusIsNoLongerAnExcuse. Zugleich aber kommen mit dem Populismus die Trumps, die starken Männer, die Radaurhetoriker an die Macht. Die autoritäre Männlichkeit wird gewählt. Gegen andere Politikertypen. Leben wir in schizophrenen Gesellschaften?

Es gibt einen Punkt, wo das zusammenkommt, wo sich die Widersprüche wie Puzzlesteine zu einem ganzen Bild fügen. Dieser Punkt zeigt sich ausgerechnet in Österreich. Mit jeder Maßnahme, die aus dem Nebel der Regierungsverhandlungen auftaucht, zeigt sich: Es geht um Restriktionen. Erst Restriktionen gegen Ausländer im Asyl- und Staatsbürgerschaftsrecht. Dann Restriktionen gegen Kinder in der Schulreform. Und nun gegen die arbeitende Bevölkerung mit dem Zwölf-Stunden Arbeitstag. Die Leute, die ÖVP und FPÖ gewählt haben, haben eine Wahl gegen Stillstand, für Veränderung getroffen. Nun bekommen sie, und damit wir alle, statt neuer Bewegung alte Unterdrückung. Statt Modernisierung Restauration, also Wiederherstellung alter Machtverhältnisse. Ergänzt um das Moment der Freiwilligkeit, wie bei der Arbeitszeitflexibilisierung. Für erwachsene Österreicher ergibt das: freiwillige Restauration. Und das ist der Punkt, wo sich die Widersprüche treffen.

Durch #metoo soll nicht nur die obszöne Kehrseite der Institutionen, es soll das Geschlechterverhältnis im Allgemeinen umgeschrieben werden. Wie und wie sehr das greift, wird sich erst zeigen (etwa in der Zeit der Weihnachtsfeiern).

Es zeigt sich aber jetzt schon, dass die Veränderung viel weiter geht - etwa bei der Forderung, "anstößige" Bilder in Museen abzuhängen. Im Ruf nach einem Bilderverbot zeigt sich: nötiges Aufbegehren und dessen Exzess finden gleichzeitig statt. Ermächtigung der Opfer geht mit neuem Puritanismus einher. Der Fortschritt der Frauenrechte, der Kampf gegen sexuelle Ausbeutung bewirkt den Rückschritt der allgemeinen Liberalisierung.

Welcher Auseinandersetzungen hat es bedurft, um Bilder gegen die Bigotterie durchzusetzen. Wir erleben heute hautnah, wie sich die Modernisierung der Gesellschaft verkehrt: Die Befreiung der Opfer geht mit der Wiederherstellung der alten Normen einher. All das ergibt ein großes Bild - das Bild einer gesellschaftlichen Restauration. Durch deren Modernisierung hindurch.