So gläsern wie das Gebäude der Statistik Austria in Wien sollten auch deren Daten für Wissenschafter sein. - © Moritz Ziegler
So gläsern wie das Gebäude der Statistik Austria in Wien sollten auch deren Daten für Wissenschafter sein. - © Moritz Ziegler

Zweitens entstehen höhere Kosten bei schlechterer Qualität auf allen Seiten: In Fällen, wo dennoch wissenschaftliche Evaluierungen durchgeführt werden, müssen (anhand von Umfragen) zusätzliche Erhebungen durchgeführt werden. Diese verursachen nicht nur unnötige Kosten beim (öffentlichen) Auftraggeber der Evaluierung und bei den hierdurch mehrfach befragten Personen und Unternehmen. Sie führen auch zu einer schlechteren Qualität der Daten, da keine Meldepflicht besteht und die Teilnahmequoten daher deutlich unter jenen liegen, die amtliche Erhebungen erzielen.

Ein hausgemachtes österreichisches Problem


Es ginge auch anders. In Dänemark, zum Beispiel, wirbt die Statistikbehörde aktiv für die Nutzung von Individualdaten der amtlichen Statistik. Sie hat zur Bereitstellung dieser Daten sogar eine eigene Abteilung mit 17 Fachkräften eingerichtet. In anderen EU-Mitgliedsländern wie etwa den Niederlanden, Schweden, Estland, Frankreich und Finnland ist ein Zugang zu Individualdaten der amtlichen Statistik für Forschungszwecke ebenfalls seit Längerem etabliert. Deutschland ermöglicht seit 2016 wissenschaftlichen Einrichtungen den Zugriff auf personenbezogene Individualdaten. Datenschutz und Statistikgeheimnis werden in diesen Ländern durch rigorose Datensicherheitsmaßnahmen sowie durch strenge Kriterien zur Auswahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Zugang zu Individualdaten erhalten, gewährleistet. Die statistischen Ämter der oben erwähnten Länder bieten kontrollierte Fernrechenmöglichkeiten sowie "Safe Center"-Lösungen an. Hierdurch kann die Wissenschaft auf individuelle Daten zu Forschungszwecken zugreifen, die Auswertung und Darstellung der Ergebnisse lässt jedoch keine Rückschlüsse auf einzelne Individuen und Unternehmen zu. In Österreich dagegen stehen ForscherInnen oftmals vor unüberwindlichen Hürden, wenn sie für ihre wissenschaftliche Tätigkeit statistische Individualdaten benötigen.

Wie die Beispiele aus anderen europäischen Ländern zeigen, ist eine derartig strenge Umsetzung des Statistikgeheimnisses rechtlich nicht geboten und ein österreichisches Spezifikum. So ermutigt die europäische Rechtsetzung sogar dazu, der Wissenschaft den Zugang zu Individualdaten der amtlichen Statistik zu ermöglichen, auch dann, wenn einzelne Merkmalsträger identifizierbar sein sollten. Eine Ermutigung, die vom österreichischen Gesetzgeber bisher ignoriert wurde.

Eine evidenzbasierte Wirtschaftspolitik ermöglichen


Zur Stärkung des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts Österreich muss es der Wissenschaft möglich sein, sich verstärkt mit Österreich zu beschäftigten und Evidenz zur österreichischen Wirtschaftspolitik vorzulegen. Die Wissenschaft würde diesem Anliegen sehr gerne nachkommen. Den gesetzlichen Rahmen muss die Politik setzen. Ein verbesserter Zugang zu statistischen Daten für Forschungszwecke unter der selbstverständlichen Wahrung des Datenschutzes ist möglich und würde zur Etablierung evidenzbasierter Wirtschaftspolitik in Österreich massiv beitragen. Die Einrichtung bzw. Erweiterung von "Safe Center"-Lösungen wäre hierzu ein international etablierter und gangbarer Weg. Es ist an der Zeit, dem österreichischen Datenfriedhof Leben einzuhauchen.