Karl Aiginger ist Professor an der WU Wien und Leiter der Querdenkerplattform Wien-Europa (www-querdenkereuropa.at). Foto: Eric Kruegl
Karl Aiginger ist Professor an der WU Wien und Leiter der Querdenkerplattform Wien-Europa (www-querdenkereuropa.at). Foto: Eric Kruegl

Jede Firma braucht etwas, das sie besser kann als die anderen. So auch die Politik, wenn sie dem Populismus nicht das Feld überlassen will. Was kann nun Europa in der Globalisierung einzigartig machen? Den USA die Technologieführung abzujagen, versuchen wir seit Jahrzehnten vergeblich. Und es wird mit der geringen europäischen Forschungsquote und dem Fehlen von Spitzenuniversitäten auch nicht gelingen. China überholt gerade Europa beim Forschungsauswand, baut die neuen Transportnetze in die Wachstumsregionen, entwickelt Autos ohne Benzin und Diesel. Sich auf Billigprodukte zu konzentrieren, geht bei europäischen Löhnen, Sozialleistungen und Freizeitwünschen auch nicht.

Und Bildung lohnt sich. Individuell bringt sie sichere und besser bezahlte Arbeitsplätze und Schutz vor der Konkurrenz der Niedriglohnländer. Sie ermöglicht eine eigenständige Lebensgestaltung und einen Spielraum für Neues. Die Lebenserwartung ist bis zu fünf Jahre höher, wenn man viel gelernt hat. Für die Gesellschaft bringt Bildung höhere Einkommen und bessere Gesundheit - uUnd die Fähigkeit, mit neuen Problemen vom Klimawandel bis zur Digitalisierung fertig zu werden.

Europa hat hier Chancen. Die Ausgaben sind hoch, Bildung ist mit geringen privaten Kosten verbunden, ihr Stellenwert wird im Prinzip erkannt. Es gibt viele Universitäten und ein breites Angebot; in vielen Ländern mit Verzweigung in theoretischer und praktischer Richtung. Das Analphabetentum ist niedrig. Bildung und Wirtschaft sind vernetzt.

Nur langsame Fortschritte in Richtung Chancengerechtigkeit


Doch die Bildungsvererbung ist hoch, die Fortschritte in Richtung Chancengerechtigkeit sind viel langsamer als erhofft, und die Defizite im Lesen sind erschütternd. Die Migration bringt neue Herausforderungen, die Schulen und das Lehrpersonal sind nicht auf die Probleme durch geballte Migration aus anderen Kulturen vorbereitet. Migranten zweiter Generation unterscheiden sich in Europa mehr von den Inländern als in den USA.

Und Bildung sollte auch das Angebot an die Nachbarländer im Süden und im Osten sein. Straßen, Brücken, Pipelines wird China schneller bauen, Europa kann seine Kultur und sein praxisnahes Bildungssystem anbieten, ebenso einen Austausch von Fachkräften und Schülern - mit teils egoistischen, teils altruistische Motiven. Europa profitiert, wenn neue Märkte entstehen und stabilisiert werden, wenn die Zuwanderung nach europäischen Prinzipien und Werten stattfindet. Das reduziert auch die Fluchtursachen.

Gegen Massenflucht hilft es, Jobs in Afrika zu fördern


Jeder Euro in Bildung, Stabilität und Arbeitsplätze in Afrika ist hundertfach besser investiert als in Waffenlieferungen, militärischer Grenzschutz und Flüchtlingslager ohne Perspektive. Europa wird als "Soft Power" geschätzt, Kreuzzüge und Kolonialzeit sind in Erinnerung, aber nicht so hautnah verglichen mit US-Bomben und der chinesischen Übernahme von Land und Ressourcen unter oft zweifelhaften Verträgen mit Diktatoren in den vergangenen zehn Jahren.

Die Bevölkerung Afrikas wird sich in diesem Jahrhundert verdoppeln, Europa muss im Interesse Afrikas und auch im eigenen Interesse Arbeitsplätze in Afrika unterstützen. Am besten nach den Zielen, die sich afrikanische Länder selbst stecken, mit Technologien, die sie selbst adaptieren, aber mit Unterstützung eines Bildungssystems, eines Demokratieverständnisses und eines Rechtsrahmens, bei dem Europa Vorbild ist. Das ist besser als "My country first"-Strategien, wie sie US-Präsident Donald Trump verfolgt, oder die neuen Hegemonialbestrebungen Russlands, der Türkei oder des Iran.

Bildung ist der Schlüssel zu einer guten Partnerschaft, zu einer europäischen Gestaltungsrolle in der Globalisierung. Kaum zu glauben, wenn man an die Defizite denkt, die wir selbst bei uns noch sehen. Aber vielleicht ergänzen sich Außensicht und Innensicht, und Österreich kann hier ein Vorzeigemodell sein - schon vor, aber vor allem während der EU-Präsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2018.