Als Setschin die Ermittlungen gegen Uljukajew ins Rollen brachte, brach er damit eine unausgesprochene Wettbewerbsregel, die innerhalb der russischen Eliten gilt: Konflikte sollten untereinander und nicht öffentlich ausgefochten werden.

Ultrakonservative bringen die innere Balance durcheinander

Uljukajews Fall zog sehr viel Aufmerksamkeit auf sich, drehte sich allerdings nicht um ihn selbst: Verglichen mit Setschin ist er eine unbedeutende Figur. Vielmehr zeigte der verwegene und unverschämte Schachzug, der die antagonistische Elite, zu der Uljukajew gehörte - nämlich den ideologiefreien und wirtschaftsliberalen Kreis um Ministerpräsident Dmitri Medwedew -, demütigen und beschädigen sollte, dass Setschins ultrakonservative Gruppe in Putins System Überhand nimmt und somit die innere Balance durcheinanderbringt.

Es gibt einige weitere Indikatoren, die darauf hinweisen, dass Putins System in dessen vierter Amtszeit nicht nur noch konservativer und reaktionärer wird, sondern auch einen noch anti-westlicheren Ton pflegen wird. So wurde Putins Präsidentschaftskandidatur bei der Ausstellung "Russland - Meine Geschichte" am 26. Dezember 2017 verkündet. Organisiert wurde diese vom russisch-orthodoxen Bischof Tikhon, der als spiritueller Berater des Kreml-Chefs gilt und der inoffizielle Anführer eines monarchistischen und extrem konservativen Zirkels innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche ist.

Die Wahl eines solchen Ortes für die offizielle Verkündung der Kandidatur hat symbolischen Charakter: Viele russische Historiker meinen, dass Tikhons Ausstellung, tatsächlich eine Ansammlung von Unwahrheiten, dem Konservatismus und Autoritarismus huldige und zeige, dass alle Versuche, Russland zu demokratisieren, bloß westliche Intrigen und dem russischen Volk natürlich fremd seien.

Destabilisierung schränkt Flexibilität des Kreml ein

Der Geschichtsmissbrauch und -revisionismus des Kreml, seine Legitimierung der offen autoritären Praktiken und seine zunehmende Besessenheit von der "westlichen Verschwörung" zeigte sich kürzlich auch in einem Interview mit Alexander Bortnikow, dem Chef des Föderalen Dienstes für Sicherheit, der in Putins System ebenfalls viel Macht hat. Bortnikow verteidigte Josef Stalins massive politische Repressionen mit dem Argument, dieser habe gegen "ausländische Agenten" gekmpft. Seiner Meinung nach müsse der Kampf gegen die "fünfte Kolonne" in Russland fortgeführt werden, da "die Zerstörung Russlands noch immer eine Wahnvorstellung im Westen" sei.

Der Aufstieg der Ultrakonservativen destabilisiert Putins System, und diese Destabilisierung schränkt die Flexibilität der russischen Staatsführung ein - eine Flexibilität, die bisher ein großer Vorteil des Systems war, und zwar russlandweit und international. Nun scheint es, dass Russland 4.0 die Gesellschaft für die Unterstützung des Kreml mit drei Narrativen mobilisieren wird: mit der historischen Erhabenheit des Landes, mit Russlands Inkompatibilität mit der Demokratie und mit der Mär von der westlichen Verschwörung.

Vor dem Hintergrund des zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Abstiegs bedeutet dies, dass die Repressionen im Inland und die Aggressionen in den Beziehungen zum Ausland zunehmen werden.