Am 22. Jänner 1963 unterzeichneten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer den Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit. Das Duo konnte integrationspolitisch kaum gegensätzlicher sein. Der deutsche Bundeskanzler hatte mit Frankreichs Ex-Außenminister Robert Schuman im Jahr 1952 die supranationale Montanunion begründet. Mit ihm hatte der französische Staatspräsident nichts gemein. Adenauer war mit Schuman und Alcide De Gasperi einer der Gründervater des vereinten Kontinents. Nun stand er einem national-französischen Militär gegenüber. Es waren jedoch jenseits der Politik sehr persönliche, religiöse und weltanschauliche Übereinstimmungen, die beide auch im Sinne Europas zusammenführten.

Michael Gehler ist Gründungsdirektor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2013 bis 2017) und seit 2006 Jean-Monnet-Professor für vergleichende europäische Zeitgeschichte an der Universität Hildesheim. - © privat
Michael Gehler ist Gründungsdirektor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2013 bis 2017) und seit 2006 Jean-Monnet-Professor für vergleichende europäische Zeitgeschichte an der Universität Hildesheim. - © privat

Bereits 1958 hatte de Gaulle Adenauer auf seinen Privatsitz in Colombey-les-deux-Églises eingeladen. Keinem anderen Politiker wurde dieses Privileg je zuteil. Nach der Verständigung über gemeinsame Werte zwischen den Erzrivalen am Rhein sollte die Versöhnung folgen, um die "Erbfeindschaft" beizulegen. Adenauer wurde beim Staatsbesuch in Paris im Juli 1962 gefragt, ob er bereit sei, auch zu zweit zu kooperieren, sollte das auf europäischer Ebene nicht gelingen. Er willigte ein.

De Gaulle kam zum Gegenbesuch im September. In einer vielumjubelten Rede vor dem Bonner Rathaus beschwor er die wechselseitige Freundschaft. Nur so seien Friede und Zusammenarbeit möglich. In Ludwigsburg appellierte er an die Jugend, die Zukunftsgestaltung gemeinsam in die Hand zu nehmen. Noch im selben Monat lag eine französische Denkschrift vor, die bei Außenpolitik, Verteidigung, Erziehung und Jugend Kooperationen vorsah. Die positive deutsche Reaktion folgte alsbald.

Im Dezember 1962 stimmten sich die Außenminister im Sinne eines Protokolls ab. Ein Vertrag war zunächst nicht beabsichtigt. Als er dennoch kurz darauf zustandekam, platzte vorher noch eine Bombe.

Frankreichs Veto gegen Großbritanniens EWG-Beitritt

Am 14. Jänner 1963 gab de Gaulle auf einer Pressekonferenz bekannt, dass er einen britischen EWG-Beitritt ablehne. Die Briten befanden sich mit Brüssel schon im zweiten Verhandlungsjahr. Die brüske Absage hatte einen besonderen Grund: In der Zeit vor de Gaulles Machtantritt hatte es zwischen der BRD, Frankreich und Italien seit 1956 Geheimverhandlungen über eine trilaterale Atomstreitmacht gegeben. De Gaulle stoppte diese, als er 1958 an die Macht kam, weil er eine "force trilaterale atomique" mit den USA und Großbritannien wollte. Das lehnten jedoch der britische Premier Harold Macmillan und US-Präsident John F. Kennedy ab. Auf die Abweisung folgte das französische Veto gegen die Briten. Umso mehr war de Gaulle gezwungen, auf Bonn zuzugehen, zumal er deutsches Kapital und Know-how für seine Kernwaffen - ohne Zugriffsrechte der BRD versteht sich - brauchte. Nationale Nuklearpolitik rangierte deutlich vor europäischer Integrationspolitik.