Freilich auch das zum Preis eines neuen Krieges im Krieg - für den die Türkei jenen Milizen-Mix mobilisiert hat, den sie als "Freie Syrische Armee" (FSA) verkauft und der als Speerspitze der Afrin-Offensive bisher die meisten Verluste hinnehmen musste. Gut für Recep Tayyip Erdogans PR-Maschinerie, die zuhause weniger türkische Opfer erklären muss.

Syriens Präsident Bashar al-Assad wiederum kann zusehen, wie Teile der verbliebenen Opposition und die nach Autonomie strebenden Kurden einander gegenseitig abknallen. Und um es der Türkei nicht allzu leicht zu machen, erlaubt das Regime der YPG, zusätzliche Soldaten durch vom Regime kontrolliertes Gebiet nach Afrin zu schaffen.

Selbst wenn Assad bereit sein sollte, den Kurden eine Art von Autonomie zuzugestehen, wird er dies nach seinen Spielregeln tun wollen. Der Kreml wollte die Kurden schon länger davon überzeugen, die Kontrolle der Grenzgebiete zur Türkei wieder dem Regime zu überlassen, im Austausch für einen Autonomie-Status. Die Kurden lehnten ab. Eine militärisch geschwächte YPG spielt Assad bei möglichen neuen Verhandlungen nur in die Hände.

Claims werden abgesteckt


Die ausländischen Player stecken derweil im Hintergrund ihre Claims ab. Die USA haben im Kurdengebiet Stützpunkte errichtet; in Kobane, Hasaka und Rmelan. Offiziell, um ein Wiederaufleben des IS zu verhindern, wohl aber auch, um den Einfluss des Iran einzudämmen. Dieser wiederum betreibt Einrichtungen in Aleppo, Hama und südwestlich von Damaskus. Die Türkei soll einen Stützpunkt in Al-Bab erbaut haben und Großbritannien eine Militärbasis im jordanisch-syrisch-irakischen Grenzgebiet in Al-Tanf, an der wichtigen Verbindungsstraße zwischen Damaskus und Bagdad. Die Russen haben ihre Marine-Basis in Tartus und den Luftwaffenstützpunkt Khmeimim.

Alle diese Staaten werden bei den Verhandlungen zur politischen und territorialen Zukunft Syriens eine wesentliche Rolle spielen. Inwieweit sich die Wünsche der syrischen Bevölkerung gegenüber geostrategischen Überlegungen werden durchsetzen können, bleibt fraglich.

Bis es so weit ist, frisst der Krieg weiter die Menschen und das Land auf. Zu den bisher 400.000 Toten und elf Millionen Vertriebenen werden weitere hinzukommen. Im Bombenhagel in den Vororten östlich von Damaskus, in Hama, in Idlib. Und demnächst wohl auch in Afrin.