Foto: dpa/Frank Rumpenhorst
Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Die Kopftuch-Rebellion in Teheran und anderen Städten wurde in den Online-Foren begeistert begrüßt, aber ziemlich missverstanden. Denn hierzulande wollen viele glauben, dass die Frauen gegen das Kopftuch sind, dass sie also durch die Abnahme desselben oder das bloße Schwenken einer Textilie an einer Stange für eine westliche Lebensweise eintreten. Deswegen wird den Aktivistinnen in den sogenannten sozialen Netzwerken zugejubelt. Eine solche scheinbare Solidarisierung ist aber nichts anderes als der alte westliche Kulturimperialismus, der annimmt, dass die eigene Lebensweise die beste sei, die überallhin exportiert werden müsse.

Aber dies ist ein Irrtum. Die Iranerinnen, die sich des Stücks Stoff seit einigen Wochen entledigen, tun dies nicht, weil sie der Verhüllung, sondern weil sie des Verhüllungszwangs müde sind. Die klerikale Kontrolle über ihre Körper ist es, gegen die sie kämpfen. Manche wollen sich bedecken, andere nicht - einig sind sich die Protestierenden darin, dass nicht länger der Staat über ihre Köpfe bestimmen soll, sondern dass sie selbst entscheiden wollen.

Auch die Forderung an Musliminnen in Österreich, in einer solidarischen Aktion mit den iranischen Schwestern das Kopftuch kurz abzulegen, verkennt den Sinn der Bedeckung als Teil der Glaubenspraxis, die man nicht einfach vorübergehend aussetzen kann. Symbolischen Beistand finden die Iranerinnen aber bei muslimischen Sympathisanten und Sympathisantinnen in aller Welt.

Ingrid Thurner ist Ethnologin und Publizistin. Sie ist Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien mit den Forschungsschwerpunkten Mobilität, Fremdwahrnehmungen und Anthropologie des Islam. Foto: privat
Ingrid Thurner ist Ethnologin und Publizistin. Sie ist Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien mit den Forschungsschwerpunkten Mobilität, Fremdwahrnehmungen und Anthropologie des Islam. Foto: privat

Politik mit Hilfe des weiblichen Körpers zu gestalten und damit Macht über Frauen auszuüben, war seit jeher ein männliches Begehren, keineswegs nur in islamischen Ländern. Bis heute ist dies ein Anliegen von FPÖ, AfD und anderen rechten, rechtsextremen und mit Rechts liebäugelnden Parteien. Darin sind sie vergleichbar dem Klerus der großen monotheistischen Religionen, auf die sie sich gerne berufen. Das sogenannte Burkaverbot ist ein Teil dieser Strategie.

Maskulinisierte Geschlechterpolitik


Bedeckungsverbote hier und Bedeckungsgebote dort sind Ausdruck der gleichen maskulinisierten Geschlechterpolitik, die männliche Macht über weibliche Körper erzeugt. Verschieden sind bloß die historischen und sozialen Gegebenheiten. Die #MeToo-Debatte passt gut ins Geschehen, sie ist ein anderes Symptom derselben Krankheit. Wer tatsächlich die Wünsche der Frauen im Iran und anderswo unterstützt, müsste dieselbe Wahlfreiheit - sich zu bedecken oder nicht zu bedecken - auch für muslimische Europäerinnen einmahnen.

Wenn eine Kopftuch tragende Intellektuelle (wie Dudu Kücükgol jüngst in einem "Kurier"-Interview) genau dieses Selbstbestimmungsrecht fordert, erntet sie wenig Lorbeeren. Eher schlägt ihr eine Welle von Antipathie bis Hass entgegen, aus den eigenen Reihen, von den sogenannten liberalen Muslimen, den Ex- und Anti-Muslimen sowieso von den üblichen Islam-Kritikern, den islamfeindlichen bis islamophoben Werteverteidigern. Selbst von manchen linken Seiten wird sie mit Spott und Hohn eingedeckt.

Die Folge der in Österreich herrschenden Anti-Kopftuch-Stimmung kann doch nur ein Aufbegehren sein, ein Jetzt-erst-recht, gerade auch bei einer muslimischen Bildungselite, die längst schon für die Freiwilligkeit der Verhüllung kampagnisiert, was man ihr aber nicht glauben will. Lieber wird hierorts von Medien, Parteien und Intellektuellen, von Leuten, die es besser wissen müssten, die weibliche Bedeckung immer wieder mit Zwang und Rückständigkeit verbunden.

Muslime will man entweder angepasst haben: kopftuchlos, bartlos und unsichtbar - also letztlich assimiliert. Wenn das nicht möglich ist, sollen sie rückständig und ungebildet sein. Aber selbstbewusst, gebildet, für Rechte kämpfend und dann auch noch weiblich und Kopftuch tragend - nein, so will man Muslime in der Öffentlichkeit nicht haben.