Ein sozialistischer Idealist oder ein skrupelloser Machtmensch?


Das Verhalten Stalins gibt auch Rätsel auf: War er mehr Ideologe oder mehr Realpolitiker? War er gar ein sozialistischer Idealist oder doch nur ein skrupelloser Machtmensch? Viele Historiker wie Jörg Baberowski, Stefan Creuzberger, Robert Payne, Isaac Deutscher, Norman Naimark, Geoffrey Roberts, Adam B. Ulam, Dimitri Wolkogonow oder zuletzt Oleg Chlewnjuk versuchten, das Rätsel zu lösen. Stalins Motive sind so vielfältig wie umstritten: Äußere Bedrohungsängste, Einkreisungsphobien, Fremdenfeindlichkeit, Judenhass, Sendungsbewusstsein für die "gerechte Sache" des Sozialismus, Verfolgungswahn, Vernichtungsfantasien, Verschwörungstheorien oder schlicht die Gier nach totaler Machtausübung. Letzteres scheint am meisten zutreffend.

Der Georgier Lawrenti Berija als Chef aller sowjetischen Geheimdienste ermöglichte als willfähriger Helfer die Massenmorde. Er war so gefährlich und gefürchtet, dass die Sowjet-Regierung unter Georgi Malenkow ihn im Dezember 1953 erschießen ließ. Im Lenin-Mausoleum beigesetzt, wurde Stalins Name im Zuge der "Entstalinisierung" durch einen seiner Nachfolger, Nikita Chruschtschow, beseitigt. Es war wohl die mutigste Tat eines Sowjet-Führers, mit dem Kult Stalins zu brechen und seine Verbrechen beim Namen zu nennen. Als dies auf dem XX. Parteikongress der KPdSU 1956 geschah, sollte noch im selben Jahr im Rahmen des Ungarn-Aufstandes Stalins Kopf von einer 25 Meter hohen und gestürzten Statue in Budapest abgeschlagen werden.

Die Kenntnis dieses Monsters in Menschengestalt bleibt unverzichtbar für das Verständnis des modernen Russlands. Die Folgen seiner Politik wirken bis heute nach. Die Abgrenzung von diesem Diktator ist und bleibt der Gradmesser für einen akzeptablen und glaubwürdigen demokratischen Sozialismus.