Franz Schausberger war von 1996 bis 2004 Landeshauptmann von Salzburg und ist Universitätsprofessor für Neuere Österreichische Geschichte. Foto: privat
Franz Schausberger war von 1996 bis 2004 Landeshauptmann von Salzburg und ist Universitätsprofessor für Neuere Österreichische Geschichte. Foto: privat

Als vor 80 Jahren, am 12. März 1938, die deutschen Truppen in Österreich einmarschierten und Adolf Hitler mit der "größten Vollzugsmeldung seines Lebens" auf dem Wiener Heldenplatz vor der deutschen Geschichte pathetisch den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich meldete, ging der Traum des Deutschnationalismus in Österreich in Erfüllung. Rund ein Jahrhundert war vergangen, seit sich die deutschsprachigen Österreicher zunehmend ihrer deutschen Identität bewusst wurden und der Wunsch nach Vereinigung mit Deutschland seit 1848 immer stärker wurde.

Lange gelang es den deutschsprachigen Österreichern, die Loyalität zur habsburgischen Dynastie und zum Kaiser aufrechtzuhalten. Eine Loyalität zu Österreich gab es allerdings in der Monarchie kaum, Armee und Beamte wurden auf das Herrscherhaus vereidigt. Ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 wurde die Identifikation mit der jeweiligen Volksgruppe immer dominanter. Aus den deutschen Österreichern in der Habsburger Monarchie wurden - in Abgrenzung zu den ebenfalls immer nationaler werdenden Ungarn und Slawen - die österreichischen Deutschen.

"Wir haben nur ein Vaterland: Unser Deutschland!"

Der deutsch-völkische Nationalismus, verbunden mit einem unterschiedlich starken Antisemitismus, beschränkte sich nicht nur auf das bürgerlich-deutschnationale Milieu, in der Monarchie besonders verkörpert durch die Alldeutschen des radikalen Antisemiten Georg von Schönerer, sondern prägte von Anfang an auch den aufstrebenden Sozialismus.

Schon 1868 hieß es in einem Manifest an die Arbeiter Wiens: "Die deutsche Arbeiterpartei überall weiß, dass wir nur ein Vaterland haben: Unser Deutschland! Wir wissen, dass wir eine Nation sind und eine Nation bleiben wollen!" Friedrich Engels trat für die Zerschlagung des Vielvölkerstaates Österreich und die Angliederung der deutschsprachigen Gebiete an Deutschland ein, der allerdings eine Germanisierung der "geschichtslosen" Tschechen vorangehen müsse.

Obwohl nach dem Ende des Ersten Weltkrieges der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich und der gewählte Staatsname Deutschösterreich in den Friedensverträgen von Versailles verboten wurden, blieb die Perspektive des "Anschlusses" in dem Rumpfstaat, an dessen Lebensfähigkeit kaum jemand glaubte, auf der Tagesordnung. Davon zeugen die "Anschluss"-Abstimmungen in mehreren Bundesländern.

In der Ersten Republik zerfiel das deutschnationale Lager in drei unterschiedlich große politische Richtungen, die einander bis 1934 teils heftig bekämpften. Die Großdeutsche Volkspartei, die für die Vereinigung Österreichs mit Deutschland eintrat, wurde 1920 aus zahlreichen deutschnationalen und deutschliberalen Gruppierungen gegründet und hatte das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Revolution von 1848 als Parteifarben. Sie war eine Partei der Beamten, der Gewerbetreibenden, der Kaufleute und der Freiberufler, hatte liberale Elemente, war antisemitisch und deutlich antiklerikal. Nach der 1933 beschlossenen Kampfgemeinschaft mit den österreichischen Nationalsozialisten wurde die Großdeutsche Partei von der NSDAP aufgesogen.