Otto Bauer und der "Anschluss"-Gedanke

Im bäuerlichen Bereich war es der "unpolitische" Landbund, der deutschnational auf christlicher Grundlage ausgerichtet war, für einen Ständestaat und gegen die Heimwehren auftrat. Schließlich erstarkte im Laufe der Zeit, ausgehend von der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP), eine radikale, völkische, deutschnationale, antikapitalistische, antikommunistische und antisemitische Partei, die schließlich ebenfalls in die NSDAP überging.

Aber kaum jemand strebte ab 1918 vehementer den "Anschluss" an als die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs. Einer der extremsten Vertreter des "Anschluss"-Gedankens war Otto Bauer, der nicht zuletzt deshalb auf Druck der Siegermächte im Juli 1919 als Außenstaatssekretär zurücktreten musste, um die Verhandlungen mit der Entente nicht zu erschweren.

Die Sozialdemokraten behielten die Bezeichnung "Deutschösterreich" auch nach deren Verbot im Jahr 1919 sowohl im Namen der Partei als auch in ihren offiziellen Publikationen und in der "Arbeiter-Zeitung" bei. Im Linzer Parteiprogramm 1926 wurde immer noch bekräftigt: "Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als notwendigen Abschluss der nationalen Revolution von 1918. Sie erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die deutsche Republik." Erst am 30. Oktober 1933 wurde der "Anschluss"-Paragraf aus dem Parteiprogramm gestrichen.

Für die österreichischen Sozialdemokraten war der 12. November 1918 nicht nur der Tag der Proklamation der Republik, sondern auch der Tag, an dem für den "Anschluss" an Deutschland demonstriert wurde. Am 12. November 1925 nahmen tausende Sozialdemokraten in Wien an Umzügen und Kundgebungen mit dem Bundesvorsitzenden des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, dem deutschen Sozialdemokraten Otto Hörsing, teil. Dabei erklärte der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch: "Unser Wunsch und unser Ziel ist von der Nordsee bis zu den Karawanken, vom Rhein bis zum Neusiedler See ein einheitliches deutsches Volk, in einer deutschen Republik!" Er hoffte, dass bald "die Fahne Schwarz-Rot-Gold als die Fahne der Republik über Österreich und Deutschland wehen" würde.

Die Christlichsozialen traten nicht offen dagegen auf

Karl Renner schrieb noch 1928 im Vereinsorgan des Österreichisch-Deutschen Volksbundes "Der Anschluss": "Die Österreicher waren niemals eine Nation für sich und haben niemals gewünscht, dies zu sein. Österreich war durch Jahrhunderte der führende Stamm der Deutschen."