Die Spendenwelt von Thaler und Singer ist die Umkehrung des Subsidiaritätsprinzips, wonach der Staat nur die Aufgaben übernehmen soll, die der Mensch als Individuum nicht bewältigen kann. In dieser Umkehrung muss das Individuum die Verantwortung immer dann übernehmen, wenn Staaten scheitern oder - noch schlimmer - die Politiker nicht bereit oder nicht fähig sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Wenn der Staat als natürlicher Feind jedes Unternehmens gilt


Nur ein europäischer Zyniker kann den Vordenkern der US-Weltanschauung unterstellen, dass aus ihrer Logik folgt, die Amerikaner sollten doch mehr als bisher der Waffenlobby NRA spenden. Diese ist ja immerhin eine NGO und könnte dann - als Privatinitiative - bis an die Zähne bewaffnete "good guys" finanzieren, um die bisher wehrlosen Schulen zu beschützen. Vielleicht bin ich ein europäischer Zyniker. Sicher ist nur, dass auch meine Sicht einseitig ist. Einseitig europäisch und somit geprägt von einer Kultur, in der sich noch ein stärkeres Bewusstsein dafür findet, dass der Staat und seine Steuern nicht primär zur Behinderung von Leistungsträgern da sind, sondern zur Finanzierung des Gemeinwohls, während in den USA der Staat als natürlicher Feind jedes Unternehmens gesehen wird. Und die erforderlichen Steuerleistungen sind in dieser Weltanschauung eine Einschränkung der Freiheit jedes Unternehmers, ja sogar jedes Staatsbürgers.

Die US-Mentalität, wonach die Spende als freiwillige, zweckgebundene Steuer gesehen wird, ist - ebenso wie die Mentalität, dass Waffen Sicherheit und Freiheit garantieren - ein Beispiel dafür, dass die Amerikaner grundsätzlich anders ticken als die Europäer. Doch sind die Schüler, die jetzt die USA aufrütteln, kein Zeichen des Umdenkens? In diesem Punkt bin ich Pessimist. Oder Zyniker. Diese Bewegung wird so schnell von der Oberfläche verschwunden sein wie "Occoupy Wall Street".