Melanie Sully ist Politologin. Die gebürtige Britin leitet das in Wien ansässige Institut für Go-Governance. Foto: Ernst Weingartner
Melanie Sully ist Politologin. Die gebürtige Britin leitet das in Wien ansässige Institut für Go-Governance. Foto: Ernst Weingartner

Das Morden, Foltern und Verstümmeln bleibt als Narbe in den Erinnerungen jeder einzelnen Familie in Nordirland. Hass und Verbitterung sind stets in unmittelbarer Umgebung, auch wenn der Friedensprozess am Karfreitag vor 20 Jahren begann. Die stark dekorierten Wandbilder, die die Morde auf beiden Seiten dokumentieren, dienen als Sicherheitsventil für gegenseitiges Misstrauen. Belfast ist noch immer eine Stadt mit einer Mauer, wenn auch einer "Friedensmauer". Jedoch erstreckt sie sich bedrohlich in den oft grauen Himmel als Symbol eines fragilen Friedens.

Eine kurze Zugfahrt von der Hauptstadt entfernt, in Derry, dem Zentrum des Kampfes während der "Troubles", schneidet sich eine weitere Mauer durch die Gemeinden. Gemeindehäuser und Schulen führen eher zur Spaltung als zur Integration. Die Ränder von Gehsteigen können in den republikanischen Farben Grün, Orange und Weiß oder in protestantischen Gebieten in den Farben Rot, Weiß und Blau bemalt sein. Symbole spielen eine wichtige Rolle. Sogar über die Ortsbezeichnungen "Derry" beziehungsweise "Londonderry" wird gestritten. Beide findet man auf Bahnhöfen, um sowohl Republikaner als auch Unionisten zufriedenzustellen. Und das Karfreitagsabkommen selbst wird von Unionisten oft auch als Belfast-Abkommen bezeichnet.

In Belfast erinnert immer noch vieles an den 1998 offiziell beendeten Nordirland-Konflikt. Foto: afp/Paul Faith
In Belfast erinnert immer noch vieles an den 1998 offiziell beendeten Nordirland-Konflikt. Foto: afp/Paul Faith

In den 1970ern war jeder Tag gefüllt mit Nachrichten aus Nordirland: Todesfälle, Bombenanschläge und Hungerstreiks, von denen manche tödlich endeten. Jedoch waren dies bald keine "News" mehr. Der Horror ließ nach, als die gleiche tägliche Geschichte die Emotionen betäubte. Zahlreiche Iren kamen für ihr Studium nach England. Sie bezeichneten ein Leben in Terror als "normal", in dem man trotz Bombendrohungen beim Einkaufen oder in Pubs täglichen Geschäften nachging. Ein Friedensversuch nach dem anderen scheiterte. Es schien, als würde die Irland-Frage, die die Britischen Inseln so lange verfolgt hatte, niemals gelöst werden, ebenso wenig die menschlichen Tragödien, die sie begleiteten.

Kein Interesse an "Troubles"


Viele Menschen auf dem britischen Festland hatten beim Gedanken an die Republik Irland ein wirtschaftlich eher rückständiges Land mit wunderschönen, jedoch verregneten Landschaften vor Augen. Die Insel hatten in der Vergangenheit mehrere Hungersnöte - aufgrund des Ausfalls von Kartoffelernten - am Gedeihen gehindert. Irische Arbeiter waren in England und Wales im Laufe der Zeit gang und gäbe. Oft waren sie als Streckenarbeiter, auf Baustellen und im Straßenbau zu finden.

Die Republik Irland wurde mit dem Vereinigten Königreich Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Während dies im Vereinigten Königreich jedoch mit wirtschaftlicher Unruhe in Verbindung gebracht wurde, fand die Republik Irland stetig eine neue wirtschaftliche und politische Identität und Selbstvertrauen. Dieser Faktor, wie der damalige britische Premier Tony Blair sagte, half 1998 dabei, den Weg zur Lösung des Konflikts zu ebnen. Das Interesse an der Fortsetzung der "Troubles", die in Bezug auf Leben und Arbeit so kostspielig wurden, war gering.

Blair begann als neuer und junger Premier etwas, das wie eine "Mission Impossible" erschien, mit den Worten, dies sei keine Zeit für hohle Phrasen, "doch ich spüre die Hand der Geschichte auf unserer Schulter". Die Verhandlungen standen oft kurz vor dem Scheitern - wenn eine Seite glücklich schien, lehnte die andere, naturgemäß misstrauisch, einen möglichen Deal ab. Etwa bei der Sprachfrage: Die Dialekte enthielten alle genügend emotionales Gepäck, um jede Einigung am Ende doch zunichtezumachen.

Gleichgewicht der Kräfte


Ostern scheint ein besonderes Schicksal für Irland bereitzuhalten. 1916 fand der Osteraufstand statt, mit dem Ziel, die britische Herrschaft zu beenden und eine unabhängige irische Republik zu etablieren. Er endete mit Blutvergießen und Gräueltaten im Zuge der die Intervention durch die britische Armee. 1998 wurde zu Ostern nach langwierigen Verhandlungen das Karfreitagsabkommen zum Abschluss gebracht. Dieses umfasst zwei Komponenten: einen Mehrparteienvertrag und einen weiteren zwischen London und Dublin. Dies ebnete den Weg für eine Machtteilung zwischen ehemals verfeindeten Seiten. Die Achtung der Menschenrechte ist im Abkommen fest verankert.

Ein geeintes Irland, sollte die Mehrheit in Nordirland dies wünschen, wurde vorgesehen, allerdings in dem Wissen, dass dies sehr unwahrscheinlich war. Tatsächlich beruhte das Abkommen auf dem Status quo und gab beiden Seiten die Zusicherung, dass das empfindliche Gleichgewicht der Kräfte nicht zugunsten der einen oder anderen Seite geneigt werden konnte. Nordirland wurde als legitimer Teil des Vereinigten Königreichs anerkannt, doch war zugleich die Tür für eine Wiedervereinigung noch offen.

Das Referendum über die EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs schuf eine Herausforderung für den Friedensprozess. Seither beherrschte die Irland-Frage die Debatte darüber, was an der Grenze geschehen solle. Die britische Regierung versuchte dieses Thema aufzuschieben, indem sie argumentierte, man spanne den Karren vor das Pferd, wenn man über die Grenze spreche, solange die Handelsbeziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union noch gar nicht klar sei.

Statt Gewalt ist Frieden normal


Das Thema wurde durch das Ergebnis der Parlamentswahlen im Jahr 2017 kompliziert, die eine relativ unbekannte Partei Nordirlands, die Democratic Unionist Party (DUP), zur Machtteilung in London katapultierten. Die proprotestantische DUP lehnte das Karfreitagsabkommen ab. Und es ist die DUP, die die Regierung von Theresa May mit einem effektiven Veto gegen jeden Brexit-Deal unterstützt. Im Gegensatz zum Karfreitagsabkommen, das zu einem für alle Seiten akzeptablen Status quo führte, geht es beim Brexit um Veränderung. Wie viel und mit welchen Konsequenzen für die Grenze, ist noch nicht klar.

Allerdings ist Nordirland für viele junge Menschen im Vereinigten Königreich heute nicht mehr das Symbol, das es einst war. Im vergangenen Wahlkampf versuchten die Konservativen Labour-Chef Jeremy Corbyn als Verbündeten der Irish Republican Army (IRA) darzustellen, jedoch war dies für junge Menschen quasi Urgeschichte. Und so wie einst, als Nordirlands Jugend Gewalt als einen "normalen" Bestandteil des Alltags erachtete, ist der Frieden nun zur Norm geworden. Niemand wünscht sich eine Rückkehr zu den "Troubles" - weder in London noch in Brüssel, Dublin oder Belfast - und so viele verweisen auf "flexible und einfallsreiche Lösungen", die bis jetzt noch nicht definiert wurden.

Einzigartige Lösungen suchen


Alle sind sich einig, dass Nordirland einzigartig ist und einzigartige Lösungen braucht. Am Ende wird die Grenze wahrscheinlich eine Art Zollgrenze sein, nicht die militarisierte Sicherheitsgrenze von früher. Und das Zollmanagement fällt allein in die Zuständigkeit der EU. Wie EU-Kommissar Jean-Claude Juncker vor kurzem sagte, ist die irische Grenze ein europäisches Problem. Darüber hinaus verpflichtet Artikel 8 des Vertrags von Lissabon die EU, zu den Ländern in ihrer Nachbarschaft einen Raum des Wohlstands und der friedlichen Zusammenarbeit zu schaffen, und bald schon wird das Vereinigte Königreich, zusammen mit Nordirland, ein Nachbar der EU sein.

Während die EU im Karfreitagsabkommen nur wenig Erwähnung findet, sind sich die meisten einig, dass sie im Friedensprozess eine stabilisierende Rolle gespielt hat. Doch mit den Minderheitsregierungen in Dublin und London, einem periodischen Machtvakuum in Belfast und einer EU, die sich ihrer zukünftigen Entwicklung nicht sicher ist, könnte man tatsächlich sagen, dass die Hand der Geschichte einmal mehr über der irischen Insel schwebt.