Manfred Deistler ist emeritierter Professor am Institut für Wirtschaftsmathematik der TU Wien. Seine Arbeitsgebiete sind Ökonometrie und Systemtheorie. Foto: privat
Manfred Deistler ist emeritierter Professor am Institut für Wirtschaftsmathematik der TU Wien. Seine Arbeitsgebiete sind Ökonometrie und Systemtheorie. Foto: privat

Im Regierungsprogramm 2017 bis 2022 findet sich im Abschnitt "Integration" der Satz: "Für eine erfolgreiche Integrationsstrategie bedarf es wissenschaftlicher Grundlagen und wissenschaftlicher Begleitung." Wir erachten diese Aussage als vorbildlich und wichtig. Ein wissensbasierter Ansatz sollte allerdings weit über die Integrationspolitik hinaus politischem Handeln zugrunde liegen, insbesondere in der Wirtschaftspolitik. Dies gerade angesichts der gegenwärtigen Situation in Österreich, in der die Argumente in der politischen Debatte oft nach kurzfristig-taktischen und boulevardtauglichen Erwägungen erfolgen.

Geplante Maßnahmen der Regierung wie auch Forderungen der Opposition werden in zu geringem Umfang einer klärenden Diskussion in den Medien unterzogen. Auch die sogenannten Faktenchecks in den Medien greifen unseres Erachtens zu kurz: Die zu prüfenden "Fakten" sind selten bloß eindeutig zu messende Daten. Die "Fakten" sind meist Aussagen, die in der Regel Kenntnis und Verständnis der dahinterliegenden statistischen Messkonzepte voraussetzen und in Folge nur im Rahmen eines theoriebasierten Rahmens interpretiert und somit bewertet werden können. Daher erachten wir die systematische Berücksichtigung wissenschaftlicher Grundlagen und wissenschaftliche Begleitung als wesentlich für die Verbesserung des Niveaus der politischen Diskussion und damit letztlich für die Qualität der politischen Entscheidungen. Notwendig ist somit - neben der Vermittlerfunktion der Qualitätsmedien - auch eine entsprechenden wissenschaftliche Infrastruktur, um evidenzbasierte Politik sicherzustellen.

Das Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ wird in den Medien zu wenig klärend diskutiert. Foto: apa/Schlager
Das Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ wird in den Medien zu wenig klärend diskutiert. Foto: apa/Schlager

Evidenzbasierte
Wirtschaftspolitik

Um dem Paradigma der evidenzbasierten Ökonomie und insbesondere einer evidenzbasierten Wirtschaftspolitik in Österreich vermehrt Geltung zu verschaffen, braucht es also:

eine neue, (nicht nur auf Universitäten beschränkte) ausreichende wissenschaftliche Infrastruktur (etwa Daten- und Methodenbanken, "Produktionsketten" genügender Größe);

neue Finanzierungsmechanismen;

eine Medienlandschaft, die die produzierten Erkenntnisse und Einschätzungen kompetent bewertet und kommuniziert.

Peter Brandner ist Sprecher der Initiative "Die Weis[s]e Wirtschaft". Foto: privat
Peter Brandner ist Sprecher der Initiative "Die Weis[s]e Wirtschaft". Foto: privat

Vorbilder
im Ausland

International gesehen hat die Wirtschaftsforschung in den vergangenen 15 Jahren einen beachtlichen Innovationsschub erlebt. Die Verfügbarkeit von großen Datenmengen ("Big Data"), großen Rechenkapazitäten und modernen statistischen Methoden zur Datenauswertung sowie die Fortschritte in den Wirtschaftswissenschaften haben eine qualitativ neue Situation für die Wirtschaftsforschung und die Politikberatung geschaffen. Das Paradigma der evidenzbasierten Ökonomie lässt sich heute in weitem Umfang realisieren, wie Vorbilder zeigen, etwa die Forschungsaktivitäten im US Federal Reserve System oder am Institute for Fiscal Studies in London. Auch in Deutschland haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in den vergangenen zehn Jahren einen beachtlichen Umstrukturierungsprozess vollzogen.