Moritz Lenglachner hat Geschichte und Germanistik in Graz, Mainz, Fribourg und Bern studiert. Er unterrichtet in Frankreich und der Ukraine und ist seit 2016 Lektor des Österreichischen Austauschdienstes (OeAD) in Jerewan, wo er auch die halbjährlich erscheinende armenisch-österreichische Studierendenzeitung "Alpen-Kaukasus-Kurier" herausgibt. Foto: privat
Moritz Lenglachner hat Geschichte und Germanistik in Graz, Mainz, Fribourg und Bern studiert. Er unterrichtet in Frankreich und der Ukraine und ist seit 2016 Lektor des Österreichischen Austauschdienstes (OeAD) in Jerewan, wo er auch die halbjährlich erscheinende armenisch-österreichische Studierendenzeitung "Alpen-Kaukasus-Kurier" herausgibt. Foto: privat

Er sei gezwungen, bis spätnachts zu arbeiten, sein Einkommen sei zu niedrig, ließ mich mein unscheinbarer und ständig schelmisch lächelnder Taxifahrer Artak wissen, als wir an schillernden Reklametafeln vorbei über die menschenleere Straße in Richtung des Jerewaner Stadtzentrums fuhren. Er wühlte mit beiden Händen in der Mittelkonsole nach einem Ausweis, den er mir anschließend reichte. Mitglied der Spetsnaz, der militärischen Spezialeinheit sei er, und selbstverständlich unterstütze er die Proteste gegen die Republikanische Partei. Selber teilnehmen könne er jedoch nicht, da man ihn sonst entlassen würde. Ich möge ihm übrigens mitteilen, wie er genau fahren müsse, bittet er und verweist auf eine Schädelwunde. Seit einem Granateneinschlag könne er sich nicht mehr an alle Straßen und deren Namen erinnern.

Mittelstand kaum vorhanden


Artaks Situation ist beispielhaft für die Lage vieler in Armenien. Mühelos ließen sich ähnliche Geschichten hinzufügen. Die seit 1999 in unterschiedlichen Regierungskonstellationen an der Macht befindliche Republikanische Partei habe es nicht geschafft, den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden, fasst es Hrant Mikaelyan vom Caucasus Institut in Jerewan zusammen. Darüber hinaus dominiere bis heute eine enorme Lohnungleichheit. Ein Befund, der virulent zutage tritt - ein Mittelstand ist kaum vorhanden. Viele leben in Abhängigkeit vom Arbeitgeber oder von kargem Eigenerwerb.

Oppositionsführer Nikol Pashinian ziert mittlerweile auch T-Shirts. Foto: afp/S. Gapon
Oppositionsführer Nikol Pashinian ziert mittlerweile auch T-Shirts. Foto: afp/S. Gapon

Einen unübersehbaren Beitrag zu den Demonstrationen gegen die Regierung leisten Jugendliche, deren Rolle auch Mikaelyan ausdrücklich betont. Die Republikanische Partei, einst selbst aus einer jungen, national-orientierten Oppositionsbewegung in den letzten Jahren der Sowjetunion hervorgegangen, scheint nun ebenfalls durch das neugewonnene Selbstvertrauen der Jugend und den Generationswechsel ärgstens in Bedrängnis zu geraten. Wurden noch bis vor wenigen Wochen viele Gespräche über Politik mit resignierendem oder genervtem Gesichtsausdruck sowie Sätzen wie "Reden wir nicht über dieses Thema" beziehungsweise "Da kann man nichts machen, das ist eben so" vorzeitig beendet, so zeigt sich seit den Demonstrationen ein nahezu konträres Bild.

Die Unzufriedenheit mit der Republikanischen Partei habe schon lange tiefe Wurzeln, meint Armen Ghazaryan, Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der American University of Armenia. Wahlen seien über Jahre keine tatsächliche Demonstration der Legitimität gewesen, da die Partei tief im staatlichen System verankert, der öffentliche Dienst von Mitgliedern und Familienangehörigen durchwachsen sei sowie Bestechungsgelder oder andere Mechanismen des Wahlbetrugs Anwendung gefunden hätten. Sämtliche Praktiken sowie unzählige konkrete Fälle der Wahlbeeinflussung seien offene Geheimnisse in Armenien. Doch genau dieser Umstand schien bis vor kurzem den größten Teil der Bevölkerung in einen Zustand der Machtlosigkeit und Resignation versetzt zu haben.