Stefan Kiechle SJ ist Theologe, Jesuit und Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit", einer der ältesten Kulturzeitschriften Deutschlands (Erstausgabe 1865). Foto: Christian Ender
Stefan Kiechle SJ ist Theologe, Jesuit und Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit", einer der ältesten Kulturzeitschriften Deutschlands (Erstausgabe 1865). Foto: Christian Ender

Dramatisch ist der Rückgang der Priester. Ich stamme aus Deutschland, dem südlichen Schwarzwald. Dort wurden sechs Gemeinden, darunter die wichtigsten Touristenorte, zu einer "Seelsorgeeinheit" fusioniert: Die Kirchen sind ganz gut besucht, die Menschen kommen aus nah und fern voller Erwartung - derzeit versucht ein einziger Priester, mit der Arbeit durchzukommen; den ersten Herzinfarkt hat er immerhin überlebt. Überall helfen pensionierte Priester aus, auch junge Priester aus Indien oder Polen - der kulturelle Graben wird manchmal ganz gut gemeistert, manchmal aber auch gar nicht. Die Zahl der Eucharistiefeiern wurde meist verringert, bisweilen über die Schmerzgrenze hinaus. Die wenigen verbleibenden Priester sind oft überarbeitet, manchmal vereinsamt.

Verwaltungen machen gerne "Strukturreformen", nicht nur in der Erzdiözese Wien, auch in Deutschland: Zum Beispiel werden im Bistum Trier aus 863 Pfarren 35 gemacht; auf dem Land werden 40 Pfarren fusioniert, und die Stadt Saarbrücken bekommt für 100.000 Katholiken eine Pfarre. Meist hat eine solche Großpfarre einen Pfarrer, der sehr viel verwalten muss, und einen oder mehrere weitere Priester, die sich auf die Seelsorge konzentrieren.

Keine Eucharistie - weniger Gottesdienstbesucher


Manche Bistümer setzen Laien als Verwaltungsleiter ein, andere lehnen dies ab - die geistliche Leitung dürfe man von der ökonomischen nicht trennen, heißt es, also muss der Priester alles leiten. So werden tausendjährige Pfarrtraditionen über Bord geworfen. Doch schon die wenigen Großpfarren können nur noch mühsam besetzt werden. In vielleicht 15 Jahren - junge Priester oder gar Seminaristen gibt es ja kaum noch - wird auch diese Struktur wegbrechen. Darüber denken Verwaltungen lieber nicht nach.

Priesterweihen werden immer seltener in der katholischen Kirche. Foto: CC/Matthias Ulrich
Priesterweihen werden immer seltener in der katholischen Kirche. Foto: CC/Matthias Ulrich

Damit entfällt jedoch die Eucharistie, immerhin "Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens", so sagte es das Zweite Vatikanische Konzil. Nun sollen Wortgottesfeiern an die Stelle der Eucharistie treten, aber viele Katholiken wollen - so sind sie religiös erzogen worden - lieber Eucharistie feiern und bleiben daher weg. Der Gottesdienst wird stärker durch das Wort - Lesungen, Predigt, Gesang usw. - geprägt: Will man das, in Verbundenheit mit den evangelischen Kirchen? Oder nimmt man es, eher unwillig, in Kauf, weil man ja eigentlich doch die Messe will? Weiß man noch, dass die Kirche schon immer die Eucharistie für unverzichtbar hielt?

Viri Probati können Probleme lösen, aber auch neue schaffen


Manche argumentieren, es gebe im Verhältnis zur Zahl aktiver Katholiken heute nicht weniger Priester als früher. Das mag stimmen - aber die Sozialstruktur verändert sich: Christen werden Minderheit sein; die Gemeinden sind kleiner und brauchen daher relativ mehr Priester, damit die Katholiken einigermaßen ortsnah zur Messe gehen können - auf die Mobilität der Leute zu setzen, hilft ein wenig, aber bei weitem nicht genug.